Londons neues Opernelend

Mit „A Harlot’s Progress“ gelingt dem Theater an der Wien die Uraufführung einer achtbaren Opernnovität mit der großartigen Diana Damrau im Zentrum.

Von Stefan Musil

Wien –Londoner Nebel von der Bühne, Londoner Nebel aus dem Orchestergraben. So beginnt „A Harlot’s Progress“ im Theater an der Wien. Eine Uraufführung, die der junge britische Komponist Iain Bell für die von ihm verehrte Sopranistin Diana Damrau maßgeschneidert hat. So wie schon Strawinsky zu seinem „Rake’s Progress“, ließ sich auch Bell von einem Bilderzyklus von William Hogarth inspirieren.

Es ist diesmal der grausame Niedergang eines Mädchens. Mit Moll Hackabout kommt ein junges Ding in die große Stadt. Sie gerät an die falschen Menschen, wie die Kupplerin Mother Needham, wird als Geliebte an den reichen John Lovelace vermittelt, verliebt sich in den Ganoven James Dalton. Lovelace verstößt sie und sie sinkt zur Straßenhure ab. Dann geht es Schlag auf Schlag: Syphilis, Schwangerschaft, Gefängnis, Wahnsinn, Tod.

Peter Ackroyd hat sich von Hogarths Bilderfolge zu einem raffiniert deftigen, bühnentauglichen Libretto inspirieren lassen. Es ist aber nicht nur die Tragödie um Moll Hackabout, sondern auch die Stadt London, ihr Sog, ihre finstere Faszination und ihr Elend, die für Bell von Bedeutung sind.

Wie eine dunkle geheimnisvolle Kraft lässt er die Stimmung der Stadt als klangliches Fundament tönen. Es ist eine meist tonal gestimmte Basis, auf die Bell dann aufsetzt, mit Akzenten und Einwürfen von Holz, Blech, Schlagzeug und auch mit der Harfe. Darüber singen die Protagonisten ihren Text, meist in langen Linien. Bell flicht auch Leitmotive ein, setzt melodische Akzente, lässt die Musikgeschichte durchklingen. Die Wiener Symphoniker unter Mikko Franck spielen das alles sehr gekonnt. Es ist kein musikalischer Bildersturm, vor allem im ersten Teil des Abends klingt es bald etwas banal, aber insgesamt gekonnt gebaut.

Erst nach der Pause, wenn Moll dem Wahnsinn verfällt und stirbt, entfaltet der Abend dann einige dramatische Kraft. Es ist die Stunde der wunderbaren Diana Damrau, die sich mit höchster Intensität dieser Rolle annimmt und sie stimmlich wie darstellerisch fulminant durchlebt. An ihrer Seite stehen ebenso ausgezeichnete Kollegen: Tara Erraught beeindruckt als Molls Freundin Kitty, Marie McLaughlin ist die hinterhältig dralle Mother Needham, Nathan Gunn der brutal virile Lover James Dalton, Christopher Gillett gibt den schmierigen John Lovelace und Nicolas Testé verleiht drei Nebenrollen markantes Profil.

Jens-Daniel Herzog liefert dafür eine höchst solide Inszenierung. Er zeigt das Stück in aller Drastik, es wird reichlich kopuliert und geschlagen. Sein Bühnenbildner Mathis Neidhardt hat ihm ein London aus Bretterverschlägen gebaut, in dem die etwas plakativen Kostüme zwischen Barockrüschen und Heute auf die Zeitlosigkeit des Themas anspielen. Vom Schnürboden regnen dunkle Fetzen herab, die wie der Schmutz des verkommenen London an den Protagonisten haften bleiben und am Ende den Boden ganz bedecken, auf dem Moll stirbt. So erlebte man eine gelungene Uraufführung einer durchaus gut konsumierbaren Novität, mit bitterem Ausgang und großem Publikumsjubel am Ende.


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