Wer darf bleiben, wer muss gehen?

Im Kulturhaus in Dölsach finden seit Dezember letzten Jahres asylsuchende Familien eine Herberge auf Zeit. Ein negativer Bescheid ist ihre größte Angst.

Von Christoph Blassnig

Dölsach – „Wir sind gute, gesunde Menschen. Warum dürfen wir für unseren Unterhalt nicht selbst sorgen?“, fragt Salman, Vater einer Familie mit vier Söhnen. Sein ältester Sohn Baha besucht mit dem aus Serbien stammenden 16-jährigen Danilo die Klösterleschule in Lienz.

„Wir haben Bauern bei der Feldarbeit gefragt, ob sie Hilfe bei der Ernte brauchen“, erzählen die beiden. „Sie haben abgelehnt, sie dürften uns nicht beschäftigen. Unsere Lehrerin hat aber gesagt, mit unserer weißen Asylwerberkarte dürften wir arbeiten. Wir wollen einfach hier bleiben dürfen und unseren Beitrag leisten, ganz normal, wie alle anderen auch.“

Aktuell leben fünfundzwanzig Menschen aus Ländern wie Afghanistan, Syrien oder Tschetschenien auf zwei Stockwerken verteilt. Hinter ihnen liegen jahrelange Leidenswege, bei manchen hat die Angst körperliche Schäden hinterlassen. Nach einer oft langen Flucht durch fremde Länder hoffen sie auf Asyl in Österreich. Das jüngste Kind ist zehn Monate alt.

Pro Stock haben drei Familien ihre Zimmer und teilen sich die Küche als Gemeinschaftsraum. Aus den Töpfen am Herd dampft es, Tee und Kekse werden angeboten.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

„Wir leben hier wie eine große Familie, ein ähnliches Schicksal hat uns hier zusammengeführt“, erzählt Danilos Vater Dragan. Er hat als Lkw-Fahrer gearbeitet: „Ich habe alle Führerscheine. Ich kann mit Baumaschinen und Kränen umgehen. Ich möchte nur arbeiten dürfen. Das Sitzen, Warten und Hoffen auf einen positiven Asylbescheid macht den Tag schwer.“

Sozan und ihr Mann Hazan stammen aus Syrien. Ihre beiden Söhne sind drei und sechs Jahre alt. Sie haben ihr Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet und träumen von einem eigenen Hof. Für sie übersetzt Jamile, 17, aus Tschetschenien das Gespräch ins Russische. Diese Sprache hat die syrische Familie in Traiskirchen von anderen Flüchtlingen gelernt.

Jamile und ihr sechzehnjähriger Bruder Islam besuchen das Gymnasium in Lienz. Sie lernt viel, am liebsten hat sie Sprachen, v. a. Latein. „Ich möchte später Ärztin werden.“ Islam war in seiner Heimat gut in den naturwissenschaftlichen Fächern. Vor drei Wochen hat er die Tiroler Boxmeisterschaften in Innsbruck gewonnen. „Er wird in Kürze Tirol bei den Bundeswettkämpfen in Wien vertreten“, ist sein Vater Ruslan stolz, der als Box-Trainer in Lienz Unterricht gibt. Mutter Marha lacht: „Hoffentlich hat er nach den Turnieren seinen Kopf wieder ganz bei der Schule!“ Ihre jüngste Tochter Farisa ist fünfzehn und besucht die Hauptschule. Ihr größtes Glück ist ein großer Teddybär von ihren Eltern.

Was sich die Menschen im Kulturhaus am meisten wünschen? „Endlich ohne die Angst leben zu können, dass sie einen holen kommen.“


Kommentieren


Schlagworte