Hunderte Boko-Haram-Anhänger starben in Militärgewahrsam

Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet, sollen Hunderte vermeintliche Mitglieder der islamistischen Sekte in Haft verhungert, erstickt oder ohne Prozess hingerichtet worden sein. Die Organisation sieht die nigerianische Regierung am Zug.

Mitglieder der islamistischen Sekte Boko Haram (Archivbild).
© Reuters

Wien – Hunderte Menschen sollen in den vergangenen Monaten im Nordosten Nigerias in Militärhaft ums Leben gekommen sein, wie Amnesty International am Dienstag berichtet. Betroffen seien die Giwi-Militärbaracken im Bundesstaat Borno, der auch als „Guantanamo“ bezeichnete „Sector Alpha“ und die „Presidential Lodge“ im Bundesstaat Yobe. Mehr als 950 Häftlinge seien dort laut Aussage eines hochrangigen Offiziers der nigerianischen Armee alleine in den ersten sechs Monaten 2013 in Haft verstorben. In den Einrichtungen werden vorrangig Verdächtige festgehalten, die mit der bewaffneten islamistischen Terrorgruppe Boko Haram in Verbindung gebracht werden.

Erstickt, verhungert, zu Tode gefoltert

Die Beweise sind laut Amnesty „erdrückend“. Ehemalige Häftlinge hätten der Organisation vom täglichen Sterben in den Militärgefängnissen berichtet. Viele seien in den überfüllten Gefängnissen erstickt, andere qualvoll verhungert oder ihren Krankheiten und Verletzungen erlegen. Zudem seien Häftlinge gefoltert worden. Weiters gebe es Hinweise auf außergerichtliche Hinrichtungen: „Es gibt Zeiten, in denen werden täglich Menschen herausgeholt und umgebracht. Ungefähr fünf am Tag“, zitiert die Organisation einen nigerianischen Offizier, der anonym bleiben wollte. Die Zahl der Toten in den Straflagern sei so hoch, dass es regelmäßig Massenbegräbnisse gebe.

Amnesty fordert nun die sofortige Aufklärung der Todesfälle. „Was hier hinter verschlossenen Türen geschieht, muss umgehend untersucht werden. Die Drahtzieher dieser Menschenrechtsverletzungen sind zur Rechenschaft zu ziehen“, mahnt Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich, die nigerianische Regierung zum Handeln. „Internationale Standards und die nigerianisches Rechtslage legen klar fest, dass jeder Todesfall in staatlichem Gewahrsam genau untersucht werden muss“, erklärt Patzelt. „Auch Häftlinge haben Menschenrechte und diese müssen in jeder Instanz respektiert werden.“

Bereits Tausende Tote

Boko Haram kämpft seit 2009 im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias gewaltsam für einen islamischen Gottesstaat und die Einführung der Scharia im ganzen Land. Die Sekte lehnt westliche Bildung sowie die Beteiligung an Wahlen strikt ab. Ihre Mitglieder sehen sich in Verbindung mit den afghanischen Taliban. Ihnen werden zudem Verbindungen zu Al-Kaida und der somalischen Al-Shabaab-Miliz nachgesagt.

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Bei zahlreichen Anschlägen der Gruppierung auf Regierungsvertreter, Schulen und Kirchen und Kämpfen mit der Armee wurden bisher mehr als 3600 Menschen getötet. Seit die Armee im Mai eine Offensive startete, um den Aufstand von Boko Haram niederzuschlagen, gilt für den Nordosten von Nigeria der Ausnahmezustand. (tt.com)


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