Heftige Proteste: Totenmesse für NS-Verbrecher Priebke abgebrochen

Tagelang gab es Streit, was mit dem Leichnam des NS-Kriegsverbrechers Priebke geschehen soll. Dann ermöglichten ihm die erzkonservativen Piusbrüder eine Trauerfeier. Sie wurde von Gewalt überschattet und schließlich abgebrochen. Was nun mit dem Sarg geschehen soll, ist unklar.

Antifaschistische Demonstranten gegen Neonazis: Die Polizei musste einschreiten.
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Albano Laziale – Die Totenmesse für den verstorbenen NS-Verbrecher Erich Priebke im italienischen Albano Laziale südöstlich von Rom wurde am Dienstag von massiven Protesten begleitet. Antifaschisten und Rechtsradikale gerieten aneinander, Neonazis drängten auf das Gelände – die Veranstaltung musste abgebrochen werden. Der Sarg des Ex-SS-Mannes wurde daraufhin auf den römischen Militärflughafen von Pratica di Mare gebracht. Unklar ist jetzt, was damit geschehen soll. Bis am späten Dienstagabend kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten, die gegen die Beisetzung Priebkes am Sitz der erzkonservativen Piusbruderschaft protestierten, und rechtsextremistischen Anhängern. Dabei wurden auch zwei Personen festgenommen.

Unter heftigem Protest wird Priebkes Sarg abtransportiert.
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Priebkes Leichnam war zunächst aus der römischen Gemelli-Klinik in das Seminar der Piusbrüder in Albano gebracht worden. Rund 500 Einwohner demonstrierten vor dem Gebäude und hielten ein Spruchband mit der Aufschrift „Henker Priebke“ hoch. Mehrere Dutzend Polizisten bewachten den Transport des Sargs und die Eingänge des Seminars. Einem Priester der Piusbrüder gelang es nur unter Polizeischutz, das Gelände zu betreten.

Zahlreiche Neonazis waren zu der Totenmesse erschienen.
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Tagelanger Streit um Bestattung

Nach tagelangem Streit um die Bestattung Priebkes hatte die erzkonservative Piusbruderschaft eine Trauerfeier für den im Alter von 100 Jahren in Italien gestorbenen NS-Verbrecher ermöglicht. Die Einwohner von Albano setzten sich dagegen zur Wehr. Bürgermeister Nicola Marini sagte, der Ort habe im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Besatzung gekämpft und sei deshalb „fassungslos“, dass die Totenmesse in der Gemeinde erfolge.

Erich Priebke im Juni 1996 vor Gericht: Er musste sich für das Massaker an 335 Italienern, darunter 75 Juden, verantworten.
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Seit Priebkes Tod haben mehrere Länder und Städte es abgelehnt, den ehemaligen SS-Offizier zu bestatten, darunter sein Geburtsort Hennigsdorf in Brandenburg sowie Bariloche in Argentinien, wo er jahrzehntelang unerkannt wohnte und Rom, wo er seinen Lebensabend im Gefängnis bzw. unter Hausarrest verbrachte.

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Priebke war am Freitag in der italienischen Hauptstadt gestorben. Er lebte dort nach seiner Verurteilung wegen seiner Beteiligung am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom 1944 mit 335 Toten – darunter 75 Juden – im lockeren Hausarrest. Priebke wollte nach Angaben seines Anwalts in Argentinien neben seiner Ehefrau beigesetzt werden. Das südamerikanische Land, wo Priebke bis 1994 unbehelligt unter seinem echten Namen gelebt hatte, wies das Ansinnen jedoch zurück.

Umstrittene Piusbruderschaft

Zu den Piusbrüdern gehörte jahrelang auch der britische Bischof und Holocaustleugner Richard Williamson, dessen Verurteilung zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung das Landgericht Regensburg Ende September bestätigte. Williamson bestreitet die Existenz von Gaskammern und die millionenfache Tötung von Juden durch die Nazis. Das traditionalistische Priesterbündnis schloss Williamson 2012 wegen fehlenden „Gehorsams“ und „aus Sorge um das Gemeinwohl der Bruderschaft“ aus. (tt.com/APA)


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