Fast jedes sechste Kind ist armutsgefährdet

In Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, sind 234.000 Kinder und Jugendliche von Armut bedroht. Besonders prekär ist die Situation in Wien, wo fast jedes dritte Kind armutsgefährdet ist.

Wien – In Österreich sind 234.000 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre armutsgefährdet. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Sozioökonomischen Forschungsstelle und der Volkshilfe Österreich hervor.

Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe Österreich, ist es angesichts der jüngsten Zahlen ein Anliegen, Kinder in den Fokus des Themas Armut zu rücken. Bisher seien diese sowohl in der Forschung, als auch in der Politik nur als Armutsrisiken, nicht aber als eigenständige Betroffene gesehen worden. „Österreich hat Nachholbedarf, was die Wahrnehmung von Kinderbedürfnissen betrifft“, sagte Fenninger am Mittwoch bei der Präsentation der Studie in Wien anlässlich des Internationalen Tags gegen Armut am Donnerstag

16 Prozent der Tiroler Kinder gefährdet

Mit einer Quote von 15,4 Prozent ist die Armutsgefährdungsquote von Kindern in Österreich höher als die der Gesamtbevölkerung (13 Prozent). In der Bundeshauptstadt Wien sind laut dem EU-Sozialbericht SILC 2011 gar fast ein Drittel (28 Prozent) der Kinder und Jugendlichen bis 19 armutsgefährdet. In Tirol sind es 16 Prozent, in Vorarlberg ist der Anteil mit sieben Prozent am niedrigsten.

Im EU-Durchschnitt (20,5 Prozent) liegt Österreich mit der Quote von 15,4 Prozent noch relativ gut. Ländern wie Norwegen und Dänemark, die eine Quote von etwa zehn Prozent aufweisen, hinkt Österreich jedoch deutlich hinterher. Auch Schweden, Zypern, Slowenien und Tschechien liegen weiter vorne als Österreich. Seit 2005 blieb die Armutsgefährdungsquote von Kindern in Österreich annähernd konstant.

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Alleinerzieher-Haushalte, kinderreiche Haushalte und Kinder aus Zuwandererfamilien sind deutlich stärker von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht.

Scham, Aggression, soziale Islolation

Armut bedeutet für Kinder drastische Einschränkungen und Ausgrenzung in vielen Lebensbereichen. „Jedes vierte Kind kann nicht auf Urlaub fahren, jedes zehnte kann aufgrund der schlechten Wohnsituation keine Freunde einladen“, so Fenninger. „Die Kinder merken, dass sie anders sind als ihre Mitschüler. (...) Das wirkt sich auf die Psyche aus. Die einen reagieren mit Rückzug und Isolation, andere mit Aggression.“

Doch „Armut ist nicht nur auf das Geldbörsl bezogen“, betonte Fenninger die Komplexität des Themas. Kinder, die in Armut aufwachsen, sind etwa öfter krank, ihre emotionale und kognitive Entwicklung ist oft verzögert. Sie verletzen sich häufiger, haben mehr Infektionskrankheiten, ernähren sich ungesünder und bewegen sich weniger, erklärte Verena Fabris, Vertreterin der Volkshilfe in der Österreichischen Armutskonferenz.

Auch sei der familiäre Zusammenhalt in Familien, die von Armut betroffen sind, eklatant schlechter als in Familien, bei denen Geld keine Rolle spielt, ergänzte Fenninger.

Volkshilfe sieht Politik am Zug

Eine zentrale Forderung der Volkshilfe an die Politik ist es, sich verstärkt dem Kampf gegen Kinderarmut zu widmen. Unter anderem fordert die Organisation die Erhöhung der bedarfsorientierten Mindestsicherung, die gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen – „um der frühen Selektion entgegenzuwirken“ – und eine Erhöhung des Budgets für Kinder- und Jugendhilfe. „Österreich darf kein Kind zurücklassen“, gibt die Volkshilfe der künftigen Bundesregierung mit auf den Weg. (tt.com/APA)


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