Gehorsam bis zur Auflösung

Helmut Manningers stiller Dokumentarfilm „Die große Reise“ über die Auflösung eines Klosters startet im Kino.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Zweifellos ist der Montag nicht der ideale Kinotag, doch zur Tirolpremiere seines Dokumentarfilmes „Die große Reise“ sah sich der Wiener Regisseur Helmut Manninger im Innsbrucker Leokino exakt 15 zahlenden Zuschauern gegenüber. Das Desinteresse mag damit zu tun haben, dass eine kürzere Version des Filmes bereits im ORF-Religionsmagazin „Kreuz & Quer“ ausgestrahlt wurde und religiöse Themen angesichts aktueller Kirchenskandale nicht eben die Massen ins Kino locken.

Helmut Manninger ist ein entspannter Zwei-Meter-Mann, der seit 20 Jahren für das Fernsehen arbeitet und seine Mitte nun auch im österreichischen Film gefunden hat: „Es ist ja ein untypischer Dokumentarfilm, ein ruhiger, stiller Film. Wenn das Publikum von der Geschichte und dem Schicksal der Schwestern berührt ist und sich das herumspricht, könnte es schon funktionieren.“ „Die große Reise“ ist anders als „Population Boom“ oder „Alphabet“, „das sind andere Geschichten“, sagt der Dokumentarfilmer über die Kinokonkurrenz aus Österreich.

Begonnen hat das Filmprojekt vor drei Jahren, als Manninger buchstäblich ein göttlicher Funke erreichte. Beim Feuermachen erregte die Schlagzeile „Was passiert mit dem Kloster?“ in einem Bezirksblatt seine Aufmerksamkeit: „Da war für mich klar, da gehört etwas gemacht.“

Das Annunziatakloster Stein der Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens in Eichgraben im Bezirk St. Pölten sollte aufgelöst werden und die 25 meist betagten Schwestern würden nicht gerade auf der Straße stehen, aber in andere Häuser des Ordens übersiedeln müssen. „Ich bin da hin, hab’ ihnen drei Geschichten, die ich für das Fernsehen gemacht habe, gezeigt und dann haben sie gesagt, ja, das können wir machen. Sie hatten das Vertrauen, dass ihnen nichts geschieht.“ Was kann Klosterschwestern im sicheren Bereich des Fernsehens schon zustoßen? „Na ja, es gibt eine Elisabeth T. Spira“, das Fernsehgeschäft ist doch eine Schlangengrube, „die auch schon in einem Kloster gewildert hat und wo sich die Schwestern heute noch kränken.“ Helmut Manninger nähert sich den Schwestern in ihrem emotionalen Ausnahmezustand behutsam, dafür revanchieren sie sich mit ihren „Berufungsgeschichten“.

Oft waren es private Enttäuschungen, die sie ins Kloster geführt haben, um sich dem „Gehorsam“ hinzugeben. Diesen Gehorsam fordert die Oberin auch bei der Auflösung. Es ist eine Schwester aus dem Zillertal, die Widerstand leistet. „Egal, ob ein Bauernhof oder ein Kloster verkauft wird“, sagt Manninger, „die Leute, die es betrifft, reagieren gleich. Aber wie sie damit umgehen, da liegt der Unterschied. Für die Schwester aus Tirol ist das Kloster der schönste Platz im Wienerwald, die wollte nicht raus. Am Ende sagte sie, der Weg zum Himmel ist von überall gleich weit.“

An „Russen, Türken und Sekten darf es nicht verkauft werden“, verrät der Hausbesorger. Schließlich kaufte ein Wiener Immobilienmakler das Kloster mit 25 ha Wald- und Landwirtschaftsfläche. „Das ist jetzt kein Film, der traurig machen soll. In Wahrheit geht es ihnen ja gut, denn wer ist im Alter so gut versorgt und noch dazu in einer Gemeinschaft? Wie viele Leute müssen ein Haus verlassen und in ein Heim, weil die Kinder die Eltern nicht mitnehmen? So gesehen sind die Schwestern privilegiert. Das wissen sie aber auch.“ Das wird auf sympathische Weise dokumentiert.


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