Das Baby laufen lassen, bevor es fremdgeht

Eine Mitternachtseinlage, die acht Jahre dauerte, findet ihr Ende. „Tanz, Baby!“ sagen Adieu – ohne Träne im Knopfloch, dafür mit Rose im Revers.

Von Christiane Fasching

Hall –Im Burgenland der 80er-Jahre lauschten zwei Buben gern den Schlagerklängen, die aus den großelterlichen Radiogeräten drangen – und Herzschmerz in die gute Stube zauberten. Diese frühkindliche Prägung war wohl ein Mitgrund dafür, dass David Kleinl und Kristian Musser alias Mu im Jahr 2005 das Band-Projekt Tanz, Baby! ins Leben riefen. Wobei die heimorgelunterstützte Symbiose aus Schlager, Neuer Deutscher Welle und Elektropop anfänglich nur als Spaß gedacht war. „Dass wir mit dieser Mitternachtseinlage Erfolg haben könnten, hätten wir damals nie geglaubt“, erklärt Tanz-Baby-Sänger Kleinl. Trotzdem war er sofort Feuer und Flamme, als ihm Kollege Mu – mit einer Heimorgel bewaffnet – vor acht Jahren vorschlug, den ungewöhnlichen Sound-Spross aus der Taufe zu heben. „Die Idee war absurd, das hat mir gefallen“, sagt Kleinl, der aus der visuellen Ecke kommt – und als Videokünstler tätig ist.

Das merkt man auch den Tanz-Baby-Clips an, die herrlich schräg und fantastisch-cineastisch des Weges kommen. David Kleinl wiederum erscheint darin – wie bei den Live-Auftritten – piekfein geschniegelt und perfekt pomadisiert. Und weckt so Erinnerungen an aalglatte Barsänger längst vergangener Zeiten. Bald wird aber auch Tanz, Baby! der Vergangenheit angehören. „Das Ganze war von Anfang als eine Art Zeitkapsel gedacht“, erklärt Kleinl das Ende der „absurden“ Geschichte, das am 24. Oktober mit einer Abschiedssause im Wiener WUK zelebriert wird. Schon heute Abend (ab 21 Uhr) haben die Tiroler Fans die Gelegenheit, ein letztes Mal zu Songs wie „Nur Du“, „Ich bin ein Stern“ oder „Liebe ist ein Hospital“ zu tanzen. Und zu träumen. Im Kulturlabor Stromboli steigt der letzte Tirol-Gig von Tanz, Baby!, bei dem natürlich auch jener Hit nicht fehlen darf, der das Projekt einst bekannt machte. „Ich bin traurig“ heißt der wunderschöne Schmachtfetzen, der zur Herbststimmung passt wie die Rose zu David Kleinls Revers.

Tränen tragen er und Songwriter Mu trotz des bevorstehenden Abschieds keine im Knopfloch. Schließlich sei es besser, das Baby loszulassen, bevor es ganz groß wird – und womöglich fremdgeht. Kleinl: „Es ist besser, etwas abzuschließen, bevor es erzwungen wirkt.“ In den obligatorischen Anzug zu schlüpfen, ist für ihn kein Zwang mehr. Mit seinem herausgeputzten Alter Ego hat er sich angefreundet, über die Bühnenfigur hat er begonnen, sich mehr für Mode zu interessieren und Anzüge nicht bloß als Uniform zu sehen. Die Sakkos werden also nicht endgültig an den Haken gehängt, das Mikro hingegen schon. „Ich will Abstand gewinnen und den Gesang jetzt ein bisserl ruhen lassen“, sagt Kleinl, der heute gemeinsam mit Martina Winkler am Akkordeon und Michael Krammer an der Gitarre die Bühne stürmt. Worauf man sich freuen darf? Kleinl lacht. „Von der Intensität her wird’s ein Rockkonzert. Von der Optik wird’s wie eine Reise in den Prater der 80er-Jahre, wo gerade ein Film der 30er-Jahre gedreht wird.“ Absurd ...

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