Von Schmerzen verfolgt

Bei einigen chronischen Schmerzpatienten helfen Schmerzmittel nicht mehr. In der Innsbrucker Neurochirurgie versucht man, das chronische Leiden mit Strom oder mit Schmerzpumpen zu lindern.

Von Nicole Strozzi

Innsbruck –Es ist wie eine Folter. Die Schmerzen im Rücken oder das Pochen im Kopf sind immer da: Morgens, mittags, abends und nachts lassen sie einen nicht schlafen. Etwa jeder fünfte Österreicher leidet an chronischen Schmerzen.

Bei einem kleinen Teil der Patienten reicht die herkömmliche Therapie mit Schmerzmitteln allerdings nicht mehr aus. Entweder weil die Tabletten zu keiner Besserung führen oder weil sie schon zu hoch dosiert werden müssen oder die Nebenwirkungen überwiegen.

In der Neurochirurgie der Klinik Innsbruck versucht das Ärzteteam rund um Nadja Loinig, Rosanna Jakober und Ilse Laimer, diesen Patienten Alternativen anzubieten. Eine davon ist die Elektrostimulation mit Elektroden. „Die Patienten, die zu uns kommen, haben meist eine Therapie mit hoch dosierten Opiaten hinter sich“, sagt Neurochirurgin Loinig. Hauptsächlich handle es sich um mehrfach voroperierte Personen, z. B. mit Bandscheibenproblemen, oder Patienten mit Nervenverletzungen nach Unfällen.

Voraussetzung für die Stromtherapie ist ein konstantes Schmerzareal, z. B. Schmerzen im Bein. Schmerzen mit wechselnder Lokalisation können mit dieser Methode nicht behandelt werden. Passen die Kriterien, so wird zunächst eine Probestimulation durchgeführt. Bei der Operation wird eine Elektrode in den Wirbelkanal gelegt. Dann wird mit geringer Stromstärke stimuliert. „Der Patient muss während der OP wach sein, damit wir ihn fragen können, ob er die Stimulation spürt“, erklärt Jakober. Er sollte ein Kribbeln genau da bemerken, wo normalerweise die Schmerzen sind. Das sei das Zeichen, dass die Elektroden an der richtigen Stelle liegen. Der Strom wandle die Schmerzen in ein angenehmes Kribbelgefühl um und führe auch dazu, dass weniger Schmerz an das Gehirn weitergeleitet wird.

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In der Probezeit werden die Elektroden über ein zusätzliches Verlängerungskabel durch die Haut nach außen geleitet. Da nicht jeder auf die Therapie anspricht, muss der Patient zunächst daheim testen, wie die Behandlung im Alltag funktioniert. Mit einem kleinen Handprogrammiergerät kann er die Stromstärke kontrollieren, selbstständig ein- und ausschalten und bedarfsabhängig stimulieren.

Die Voraussetzung für die Implantation des Systems ist eine mindestens 50-prozentige Schmerzlinderung unter Stimulation. Ist dies der Fall, wird der Impulsgeber unter der Haut implantiert und mit der Elektrode verbunden. Sehr gut auf die Behandlung würden Patienten ansprechen, bei denen nach mehrfachen Bandscheibenoperationen vor allem Beinschmerzen im Vordergrund stehen.

Bei Patienten, denen die Elektrostimulation keine Linderung bringt, gibt es eine zweite Möglichkeit, und zwar Schmerzpumpen zu implantieren. In einer Testphase werden über einen eingesetzten Port kontinuierlich unterschiedliche Schmerzmittel verabreicht. Die Medikamentendosis wird in kleinen Schritten gesteigert, bis sich die Schmerzen deutlich bessern oder Nebenwirkungen auftreten. Es kann drei bis vier Wochen dauern, bis der Patient richtig eingestellt ist. „Während die Elektroden keine Nebenwirkungen haben, werden bei der Pumpen-Therapie hochpotente Medikamente eingesetzt“, sagt Jakober. Nach erfolgreicher Austestung wird die Pumpe anstelle des Ports implantiert. „Die Schmerzpumpe muss in regelmäßigen Abständen in unserer Ambulanz gefüllt werden. Diese Termine müssen vom Patienten penibel eingehalten werden, da es sonst zu ausgeprägten Entzugssymptomen kommen kann“, berichtet Laimer. Diese Therapieform wird somit nur in ausgewählten Fällen unter strenger Indikation angewandt.

„Wir bemerken aber auch immer wieder, wie wichtig, es ist, mit den Leuten zu sprechen. Bekommen sie Zuwendung, geht es ihnen automatisch besser“, sagen die Neurochirurginnen. Patienten mit Dauerschmerzen haben nämlich eines gemeinsam: ihre Lebensqualität ist stark eingeschränkt. Depressionen, Müdigkeit und Erschöpfung aufgrund der Schlaflosigkeit, Hilflosigkeit, ein eingeschränktes Sozial- und Sexualleben sind nur einige der Auswirkungen, die die permanenten Schmerzen nach sich ziehen. Viele der Betroffenen haben das Gefühl, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen und als „Jammerer“ abgestempelt zu werden.

Es ist daher wichtig, dass die Schmerztherapie immer mit einer psychologischen Betreuung einhergeht, wissen die Ärztinnen. Der Knackpunkt: Diese Betreuung ist meist teuer und wird nur teilweise bezahlt. Dabei wäre sie so essenziell. Erst vor Kurzem kritisierte der Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft, Christian Lampl, dass es an Betreuungskapazitäten für Schmerzpatienten außerhalb der Spitäler fehlen würde: „Es gibt Rehabilitationszentren für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für Diabetiker. Es gibt kein Rehabilitationszentrum für Patienten mit chronischem, nicht psychosomatischem Schmerz.“ Hier gäbe es noch viel zu tun.


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