Die geplatzten Seifenblasen aus Glück

Herzogin Kate soll an postnatalen Depressionen leiden. Psychiater gehen davon aus, dass 20 Prozent der Mütter davon betroffen sind.

Von A. Plank und S. Strobl

Innsbruck –Über die Tränen des Babyblues kann man noch hinwegsehen. Über eine Depression der Mutter im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes jedoch nicht. Eine postpartale Depression ist eine schwere Erkrankung, die mit Tabus und Unverständnis behaftet wird. Mit 25 Jahren brachte Anna F. (Name der Redaktion bekannt) ihr erstes Kind per Kaiserschnitt auf die Welt. Noch im Krankenhaus schlitterte sie in eine ernsthafte Depression, die aber vom medizinischen Personal nicht erkannt wurde. Zuhause habe sie dann nur das Notwendigste gemacht, um den Buben zu versorgen. „Wenn er geschlafen hat, habe ich mich unter die Dusche gestellt und nur mehr geheult“, erzählt sie. Ständig habe sie sich gefragt, warum ausgerechnet ihr Kind mit einer so schlechten Mutter bestraft werde. Lange konnte sie keine liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn aufbauen. „Ich habe mich die erste Zeit zwar um ihn gekümmert, war aber emotional kaum beteiligt“, beschreibt sie das furchtbare Gefühl. Nach außen hin habe alles gut ausgeschaut, selbst von guten Freundinnen habe sie keine Hilfe erhalten. „Die haben nur gesagt, das sind halt die Hormone“, erzählt sie. Der Bub ist inzwischen sechs Jahre alt, sie hat weitere drei Kinder bekommen. Bei den späteren Geburten hatte sie nicht mit postnatalen Depressionen zu kämpfen. „Die Wunde sitzt tief. Noch heute beschäftigt es mich, dass mein Kind in sein Leben mit einer Mama starten musste, die ein emotionales Wrack war.“ Heute kenne sie die Symp­tome und würde sofort den Mund aufmachen, wenn sie sich einstellen. Sie glaubt aber, dass dem Pflegepersonal in den Krankenhäusern das Problem postnatale Depression viel zu wenig bewusst sei. „Ärzte und Krankenschwestern haben damals nicht nur eine erwachsene Frau im Stich gelassen, sondern auch ein hilfloses Kind“, sagt die vierfache Mutter.

Nach den Recherchen der Autorin Ulrike Schrimpf, die soeben ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat, erkranken zehn bis 15 Prozent der Frauen an postpartalen Depressionen. Bei jeder dritten erkrankten Frau tritt eine Mutter-Kind-Bindungsstörung auf. „Viele Menschen denken, dass die Mutter an einer Depression leidet, weil sie ein Kind bekommen hat. Das ist zu einfach gestrickt.“ Wie sie im Gespräch mit der TT erklärt, verwendet sie den Begriff postpartale Depression, weil er sich auf die Frau und die Zeit nach der Entbindung bezieht und nicht auf das Kind. Bei Schrimpf äußerte sich die Erkrankung in Schlaflosigkeit, an der sie unabhängig vom Rhythmus des Kindes zu leiden begann. „Die Schlaflosigkeit trieb mich zum Wahnsinn. Ich wurde streitlustig und aggressiv gegenüber meinem Mann“, erzählt sie heute.

Wie viele andere Frauen hat Schrimpf selbst die Initiative ergriffen und um ärztliche Hilfe gebeten. „Vielleicht haben die Frauen ein Gespür dafür, dass sie und ihr Kind jetzt Schutz brauchen.“ Sie nahm eine stationäre und eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch und wurde gesund. Manchmal plagt sie in Stresssituationen noch die Angst vor Schlaflosigkeit. Das Tabu um die Erkrankung ist groß. Deshalb ging sie an die Öffentlichkeit und plädiert für mehr Information unter Ärzten, Pflegepersonal und Hebammen sowie um mehr Aufklärung der Frauen vor der Geburt ihres Kindes. Christian Haring, Leiter der psychiatrischen Abteilung B im Landeskrankenhaus Hall geht davon aus, dass 20 Prozent der Frauen nach der Geburt an einer Depression erkranken. „Bei 60 bis 70 Prozent kommt es um die Geburt zu wahrnehmbaren Stimmungsveränderungen, allerdings nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern“, so Haring.

Er weise in Vorträgen immer darauf hin, dass es Ereignisse im Leben gibt, die von der Gesellschaft mit reiner Glückseligkeit verbunden werden. „Die Geburt eines Kindes zählt dazu, aber auch hier gibt es Schattenseiten und eine Vielzahl von Veränderungen sowohl seelische als auch soziale und bei den Frauen auch körperliche.“ Seitens der psychiatrischen Abteilung und der Gynäkologie in Hall gebe es eine gute Zusammenarbeit. „Wir reden mit den Frauen, wenn es zu Problemen kommt“, so Haring. Auch habe man auf der psychiatrischen Abteilung schon Mütter mit Babys aufgenommen. „Generell sind wir aber darauf nicht eingerichtet, da das sehr pflegeintensiv ist“, sagt Haring.

Harald Meller, Direktor von pro mente Tirol schwebt eine Einrichtung vor, in der bis zu 20 Mütter mit ihren Kindern betreut werden. „Es sollen Wohneinheiten geschaffen werden, wo sich die Frauen nicht als Patientinnen fühlen, aber jederzeit auf Hilfe zurückgreifen können“, so Meller. Das Haus sei für alle Mütter gedacht, die psychisch labil seien und gestützt werden müssen. Er hofft bei Landesrätin Christine Baur ein offenes Ohr für sein Projekt zu finden.


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