Martin Karplus: „Österreich nutzt meinen Nobelpreis aus“

Österreich probiere „ein Drittel meines Nobelpreises für sich zu reklamieren, indem es mich als Österreicher darstellt, aber ich bin Amerikaner!“, sagte der 1930 in Wien geborene und von den Nationalsozialisten aus seiner Heimat vertriebene Wissenschafter, der mit seinen US-Kollegen Michael Levitt und Arieh Warshel den Chemie-Nobelpreis 2013 erhält, im Gespräch mit der APA.

Ist der Nobelpreis etwas, was man als Wissenschafter in Ihrem Alter und mit dieser wissenschaftlichen Leistung erwartet, sitzt man da am Tag der Bekanntgabe neben dem Telefon?

Martin Karplus: 99 Prozent der mehr als 500 Gratulationsschreiben der vergangenen Tage sagten, es sei höchste Zeit gewesen, ich hätte den Nobelpreis schon vor langer Zeit verdient. Tatsächlich saß ich bis vor fünf, sechs Jahren - zumindest wenn ich in meinem Labor in Straßburg war - zur Zeit der Bekanntgabe am Computer, um zu sehen, ob ich ihn bekomme. In den vergangenen Jahren schlief ich aber tief und fest zu dieser Zeit. Als der Anruf dann vergangenen Mittwoch um 5.30 Uhr in der Früh kam, war mein erster Gedanke: Niemand ruft um diese Zeit an, außer es gibt schlechte Nachrichten. Aber es war doch nicht so. Meine Frau nahm den Anruf entgegen, gab mir den Hörer und jemand sagte, das sei ein Anruf aus Schweden. Dann kam sicher ein halbes Dutzend Leute an den Apparat, um mich zu überzeugen, dass das kein Scherz ist.

Der Nobelpreis holt einen Wissenschafter ins Rampenlicht. Gefällt es Ihnen da?

Karplus: Nein, gar nicht. Mein 1990 mit dem Chemienobelpreis ausgezeichneter Kollege Elias James Corey sagte zu mir bei einer kleinen Feier, dass ich sehr vorsichtig sein müsse, nicht alles akzeptieren dürfe und außerdem glücklich sein könne, den Preis erst mit 83 Jahren bekommen zu haben, weil ich damit eine ruhige Zeit zum Forschen gehabt habe. Denn jetzt werde mein Leben sicher anders.

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Aufgrund Ihrer Familiengeschichte hatten Sie einen vorgezeichneten Weg zum Arztberuf. Warum wurden Sie Chemiker?

Karplus: Als Jude wurde man zu der damaligen Zeit in Österreich entweder Anwalt oder Arzt. Niemand anderer wollte in meiner Generation Arzt werden, also wurde ich dazu auserkoren. Ich habe schließlich auch Sesselbeine verbunden und solche Sachen gemacht. Wie sich die Dinge aber so entwickelt haben, war ich zuerst sehr an Vögeln interessiert, und als ich dann nach Harvard kam, wollte ich verstehen, wie Moleküle arbeiten, nicht nur im Bereich Chemie, sondern vor allem in der Biologie, wo mein wahres Interesse lag. Und ich verstand, dass man Chemie und Physik lernen muss, wenn man ein guter Biologe sein will - heute versteht das jeder, aber 1947 hat noch niemand so gedacht.

Sie hatten bis 1938 eine behütete Kindheit. Hatten Sie durch das Erstarken des Nationalsozialismus in Österreich jemals Angst bzw. Ihre Flucht als traumatisch erlebt? Oder konnten Sie Ihre Eltern davor schützen?

Karplus: Ich habe schon mitbekommen, dass da etwas los ist. Wir lebten in Grinzing und zwei Burschen gleichen Alters aus der Nachbarschaft waren gute Freunde. Aber eines Tages sagten sie, dass sie nicht mehr mit uns Juden spielen könnten. Außerdem hatten wir - bevor Hitler nach Österreich eingeladen wurde, oder wie immer Sie das nennen wollen - einen Lehrer, der Jude war. Er war sehr beliebt, schließlich hatte seine Frau ein Zuckerlgeschäft. Und er sagte uns eines Tages mit Tränen in den Augen, er dürfe uns nicht mehr unterrichten. Wir durften dann bald nicht mehr zur Schule gehen.

Dank meiner Eltern habe ich aber keine Angst gehabt. Ich hatte mich zwar sehr geärgert, dass 1938 wegen unser geplanten Abfahrt in die Schweiz meine Geburtstagsfeier vom 15. März auf 11. oder 12. März vorverlegt wurde (den Tag, an dem Hitlers in Österreich einmarschierende Truppen von vielen mit Jubel empfangen wurden, Anm.), aber meine Eltern am Radio saßen, statt sich mir zu widmen. Ich habe aber nicht wirklich mitbekommen, was los ist. Ich habe nicht viele Erinnerungen an unsere Flucht, weiß aber noch, dass wir unsere Zeit als Kinder in der Schweiz und Frankreich genossen haben.

Existiert eigentlich das Haus Ihrer Familie in Grinzing noch?

Karplus: Ja, wir haben es auch einmal nach dem Krieg besucht, es war teilweise durch Bomben beschädigt. Aber die Leute, die es von uns übernommen haben, lebten nach wie vor dort.

Haben Sie jemals Entschädigung dafür bekommen?

Karplus: Nicht für das Haus. Wir haben aber erst kürzlich einen kleinen Betrag aus dem Nationalfonds bekommen, ein Anwalt hatte uns deswegen angerufen.

Wann kamen Sie das erste Mal nach Österreich zurück?

Karplus: Zum ersten Mal kam ich, als die Alliierten noch Besatzer waren. Mein Onkel, der nach Österreich zurückkehrte und die von ihm betriebene Fango-Klinik wieder bekam, war sehr anti-kommunistisch eingestellt. Als wir im russischen Sektor einkaufen gingen, weil es so billig war, war er sehr ungehalten darüber.

Was sind Ihre Gefühle für Österreich heute?

Karplus: Ich habe das Gefühl, dass Österreich probiert, ein Drittel meines Nobelpreises für sich zu reklamieren, indem es mich als Österreicher darstellt, obwohl ich mich überhaupt nicht so fühle. Ich würde auch nicht sagen, ich bin ein Austro-Amerikaner. Ich bin Amerikaner. Und als wir 1985 in Österreich waren, gab es verschiedene Zeichen, dass Antisemitismus ziemlich stark war.

Sie meinen die Episode aus Ihrer Autobiografie, als die Vermieterin Ihrer Pension in Wien meinte, sie verstehe nicht, dass man eine Straße nach einem Juden benennen kann?

Karplus: Ja genau, sie war drauf und dran das zu sagen, stoppte sich aber gerade noch. Und außerdem sahen wir auf Informationstafeln anlässlich eines Jahrestages, der 1985 begangen wurde, verschiedene Schmierereien mit Hakenkreuzen und Sprüchen wie „Juden raus“. Wir haben dann bei der Gemeinde angerufen, und die meinten, das passiere jeden Tag. Sobald sie in der Früh eine neue Tafel aufstellen, sei die am Abend wieder angeschmiert. Es schien jedenfalls üblich zu sein.

Ich bekam jetzt auch vom österreichischen Präsidenten (Bundespräsident Heinz Fischer, Anm.) einen Brief, der sehr nett ist. Er sagt, die Dinge haben sich geändert. Das hoffe ich, aber ich müsste mich selbst davon überzeugen, nicht als berühmte Person, sondern einfach um zu sehen, was los.

Haben Sie jemals eine Einladung einer österreichischen Universität bekommen zurückzukehren oder eine Ehrung erhalten?

Karplus: Ich wurde zu Vorträgen eingeladen, mein ehemaliger Student Stefan Boresch (von der Universität Wien, Anm.) hat das organisiert. Es gab aber nie eine Einladung, hier eine Stelle zu übernehmen. Es sieht so aus, als würde ich erst seit drei Tagen existieren.

Hätte Sie überhaupt eine Stelle hier interessiert?

Karplus: Ich hätte das weder erwartet und auch nicht in Erwägung gezogen. Ich betrachte mich nicht als Österreicher. Ich war immer in Frankreich verliebt, habe dort Forschungsaufenthalte gehabt und dann auch eine Position an der Universität Straßburg bekommen, die ich noch immer habe. Was ich immer gesagt habe ist, dass ich gerne in Frankreich leben und in den USA arbeiten würde. Es kam mir aber nie in den Sinn, nach Österreich zu gehen. Ob man eine Ehrung annimmt, ist schwierig zu sagen, das hängt von vielen Faktoren ab.

Also es gibt es auch keinen Wunsch nach Versöhnung, weil Sie eigentlich mit Österreich nichts am Hut haben?

Karplus: Nein. Ich fand es nett, dass der Präsident mir einen Brief geschrieben hat. Ich bin noch nicht überzeugt von seiner Ansicht, dass Österreich anders geworden ist. Das Einsehen, dass es Schuld gegeben hat, ist heute durchaus weiter verbreitet als früher. Aber wenn man sich die ganze rechte Politik ansieht, muss man sich genau anschauen, ob seine Ansicht stimmt. Die Gemütlichkeit der Österreicher bedeutet auch, dass sie ihre Schuld nicht so leicht akzeptieren, im Vergleich etwa mit den Deutschen. Die Österreicher waren auch deutlich antisemitischer eingestellt als die Deutschen, wenn ich etwa an meinen Großvater denke, der zum Straßenwaschen vor seiner Klinik gezwungen wurde.

Mit Walter Kohn, Eric Kandel und Martin Karplus gibt es nun schon drei Nobelpreisträger, die das gleiche Schicksal teilen: in Wien geboren, von den Nazis vertrieben und als Wissenschafter in den USA erfolgreich. Was ist der Grund für diesen Erfolg?

Karplus: Vielleicht war einer der Gründe, dass wir nicht genau wussten, wo wir hingehören, und wir das Gefühl hatten, etwas tun zu müssen, um zu existieren.

Haben Sie das Gefühl, den Nobelpreis für jenen Teil Ihrer wissenschaftlichen Arbeit bekommen zu haben, der auch für Sie am wichtigsten ist?

Karplus: Was sie sagten, wofür der Nobelpreis ist (das Nobelpreis-Komitee: „für die Entwicklung von Multiskalenmodellen für komplexe chemische Systeme“, Anm.), ist eigentlich nicht der wichtigste Teil meiner Arbeit. Diese Art von Simulation, die wir tun, die Simulation molekularer Dynamik, ist jetzt zentral für Biologie und Chemie. Das hat uns wirklich das Gefühl gegeben, wichtig zu sein, das andere ist nur ein kleiner Aspekt.

Ein schönes Ding ist, dass der Medizin-Nobelpreis dafür vergeben wurde, wie Vesikel sich öffnen und ihre Ladung abgeben, während ich daran gearbeitet habe, wie diese Vesikel durch Kinasen von einem Teil der Zelle zum anderen transportiert werden. Das ist komplementär und das möchte ich auch bei der Nobel-Lecture erwähnen.

Das Gespräch führte Christian Müller, APA


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