Von Sippenhaftung und Bildungsstau

Erste-Group-Vizegeneral Franz Hochstrasser warnt vor einseitigen Belastungen und sieht einen Boom bei Unternehmensanleihen.

Von Alois Vahrner

Innsbruck –Hochstrasser, der bei einem Kapitalmarkt-Brunch mit Finanzchefs von namhaften Tiroler Unternehmen referierte, sieht derzeit eine extrem spannende Entwicklung auf den Märkten. „Wir haben extrem niedrige Zinsen und gleichzeitig sehr tiefe Credit Spreads (Renditezuschlag, den Investoren bei einer Anlage in ausfallrisikobehaftete Anleihen erhalten, Anm.). Ein Block, und das wird sich bald herausstellen, muss sich da gewaltig irren“, sagt Hochstrasser zur TT.

Eine Folge der Entwicklung sei, dass sich Unternehmen derzeit so günstig wie noch nie refinanzieren können. Das Zusammenspiel von Erste und Tiroler Sparkasse sei dabei sehr gut. Es gebe einen regelrechten Boom bei Corporate Bonds bzw. am Hybridmarkt: Der Markt für Unternehmensanleihen wachse seit fünf Jahren kräftig, 2012 gab es laut Hochstrasser bereits knapp 30 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 7 Mrd. Euro. In Vergleich dazu waren es 2010 erst 3 Mrd. Euro, 2011 schon etwa 5 Mrd. Euro. Hybridanleihen seien vorher in Österreich kaum von Bedeutung gewesen, heuer wurden bereits 1,35 Mrd. emittiert. International sei der Euro-Hybridmarkt seit dem Vorjahr von 1,5 auf über 18 Mrd. Euro hinaufgeschnellt. Der Tiroler Holzwerkstoffriese Egger holte sich heuer mit Hilfe der Erste Bank 100 Mio. Euro.

Die allgemeine Lage in Europa sieht der Erste-Vizechef deutlich verbessert. Deutschland sei die Lokomotive. Der Osten (hier ist die Erste stark vertreten) habe dank niedriger Arbeitskosten und vergleichsweise hoher Produktivität gute Aussichten, Ungarn bleibe aber sehr problematisch.

Österreich profitiere von der starken Bindung an Deutschland, habe eine exzellente Infrastruktur, tolle Unternehmen sowie Lebensqualität und zudem eine gute strategische Lage als Drehscheibe in den Osten. Zur Regierungsbildung will Hochstrasser nicht Stellung beziehen, ganz generell dürfe sich die Steuerlast aber nicht weiter erhöhen. Zentral seien längst überfällige Reformen im Bildungsbereich. Dass der Bildungsbereich von „Neugebauer & Co.“ dominiert werde, sei sehr gefährlich, weil die Folgen des zu schlechten Bildungssystems schon sichtbar würden. „Wir müssen bei der Personalsuche immer öfter auf Ost- und Zentraleuropa zurückgreifen.“

Die Erste sei nicht schuld am Hypo-Debakel gewesen, auch nicht an den Turbulenzen bei ÖVAG und Kommunalkredit. Auch wenn er gegen „eine Sippenhaftung der Banken“ ist, sei er „nicht per se gegen eine Bankenabgabe“. Diese gehöre aber wie die Bankenunion europaweit einheitlich geregelt, sagt Hochstrasser.


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