Besuch bei den Bockelern

Melanie Hollaus’ fragmentarische Annäherung an die Reichenauer „Bocksiedlung“.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –An den „starken Zusammenhalt“ innerhalb der Bocksiedlung erinnern sich ehemalige Bewohner: Er funktionierte auch über die Sprache, das Jenische, in das man etwa verfiel, wenn die Glisti (=Polizei) aufgetaucht ist. Aber die Gesetzeshüter kamen ohnehin kaum in die Reichenauer „Republik am Rande der Stadt“, wie es in einem Zeitungsartikel aus den 1950er Jahren hieß, weil dort eigene Gesetze herrschten und der „Alte Bock“ mit Vornamen Johann als eine Art inoffizieller Bürgermeister fungierte.

Die Anfänge der Bocksiedlung gehen in die 1920er Jahre zurück, sie wird später eine von mehreren Barackensiedlungen am Rande Innsbrucks, die besonders angesichts der großen Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen. Mit dem Bau des Stadtteils Reichenau wird sie mehr und mehr zurückgedrängt, 1970 schließlich abgerissen. Geblieben sind viele Geschichten, etwa auch über das Feuer, das – vermutlich nicht zufällig – kurz vor den Olympischen Spielen 1964 in der Siedlung ausgebrochen ist. Erstaunlicherweise gibt es aber wenig Konkretes über die jahrzehntelange Geschichte der Bocksiedlung, weshalb auch der im Rahmen der stadt_potenziale entstandene Dokumentarfilm „Bocksiedlung“ von Melanie Hollaus eine sehr bruchstückhafte „Spurensuche“ geblieben ist, zusammengesetzt aus persönlichen Erinnerungen, Presseberichten und, besonders interessant, auch aus einem begleitend eingeblendeten Sprachführer durch das Jenische. Ein Buch über dieses fast vergessene Kapitel der Stadtgeschichte und damit auch über das Leben der Jenischen in Innsbruck soll folgen, Hollaus arbeitet daran mit der Sprachwissenschafterin Heidi Schleich.

Ihren Film präsentiert Hollaus morgen Sonntag (18.30 Uhr) im Leokino zusammen mit Klaus Rohrmosers „Karrnerleut“ von 1984 mit Herbert Prock. Hollaus und Rohrmoser sind anwesend.

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