„Tourismus findet nicht für Gäste statt“

Der Schweizer Tourismusfachmann Hansruedi Müller referierte im Tannheimer Tal. „Ziele auf den Bauch des Gastes, wenn du seinen Geldbeutel treffen willst“, erklärte er den Zuhörern im Saal Tannheim.

Von Hans Nikolussi

Tannheim –„Was geht mich der Gast an?“, war die provokante Frage bei einem Informationsabend, zu dem die Bergbahnen im Tannheimer Tal geladen hatten. Dass die Menschen im Hochtal aber durchaus gewillt sind, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, bewies der Andrang im Tannheimer Gemeindesaal. Mehr als 250 Interessierte waren gekommen.

Betroffen und nachdenklich machte der zu Beginn gezeigte Film, in dem fiktiv der Wegfall des Tourismus in einem Tal mit all seinen negativen Auswirkungen drastisch und düster dargestellt wurde. So will man im „wohl schönsten Hochtal Europas“ – so die Eigendefinition der Tannheimertaler – nicht enden, da waren sich alle einig. Dass aber für ein Fortführen des erfolgreichen Weges Anstrengungen in viele Richtungen notwendig sind, kam dann beim Referat von Hansruedi Müller, dem ehemaligen Leiter des Forschungsinstitutes für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern, klar zum Ausdruck und stieß bei den Zuhörern auf offene Ohren.

„Der Gast will im wahrsten Sinne des Wortes bewegt werden“, war zum Beispiel ein Aspekt aus Müllers Vortrag. Funktionierende Bergbahnen sind demnach ein unbedingtes Muss in einer Tourismusregion in den Alpen – eine erlebbare und intakte Natur immer vorausgesetzt. Multisensualität, das Ansprechen aller Sinne, sei mehr denn je Voraussetzung für eine Begeisterung des modernen Gastes. Das Urlaubserlebnis müsse im Vordergrund stehen. Vor allem Gefühle, auch schon in der Vorbereitung, im Marketing, seien der Schlüssel zum Erfolg. Etwas launig der Referent: „Ziele auf den Bauch des Gastes, wenn du seinen Geldbeutel treffen willst.“ Eine Inszenierung nach Maß, die aber immer authentisch bleiben sollte, sei eine Notwendigkeit. Der Fokus der Entwicklungen sollte aber unbeirrt auf Nachhaltigkeit gerichtet sein. Nur eine „Enkelverträglichkeit“, so der Referent, garantiere den Fortbestand einer Tourismusregion. Ein weiterer Rat des Tourismusgurus: „Besser werden, billiger werden, flexibler werden, erlebnisreicher werden, um nicht vergessen zu werden.“

Das Einstiegsbild mit dem Herzen im Schnee auf der Leinwand beim Vortrag von „Taldoktor“ Erwin Pfefferkorn nahm praktisch schon alles vorweg. Eine einzige Liebeserklärung des gebürtigen Lechtalers ans Tal, an die Menschen und die Natur folgte mit dem Abschluss einer optimistischen Sicht für die Zukunft im Tannheimer Tal.

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Bergbahnengeschäftsführer Wolfgang Moosbrugger legte dann Fakten auf den Tisch und bezeichnete die Bergbahnen als eine unersetzliche Infrastruktur und einen Motor zum wirtschaftlichen Erfolg im Tourismus. Arbeitsplatzsicherung durch die Seilbahnwirtschaft und ein Wertschöpfungsfaktor von 6,6 seien der eindrucksvolle Beweis für die Wichtigkeit der Aufstiegshilfen in der Region. Rund 45 Mitarbeiter im Sommer und über 100 im Winter erzielen ihr Einkommen bei den Bahnbetreibern. 1000-Euro-Löhne, Gehälter und Gewinne führen zu einem volkswirtschaftlichen Einkommen von 6600 Euro, bemühte er eindrucksvoll die Statistik. Bei den Fahrten in der 1-Million-Nächtigungs-Region sah er durchaus noch Luft nach oben. Von den gut 240.000 Gästen bewegen sich rund 94.000 nur im Tal, stellte er fest. Das möchte Moosbrugger ändern. Er appellierte an Vermieter und Hoteliers. Sie könnten durch einfache Hinweise beim Frühstück das Interesse der Gäste an einem Höhenerlebnis mit wenig Aufwand wecken. Als Organisator der Veranstaltung versuchte Moosbrugger ein Fazit zu ziehen: „Tourismus findet nicht für den Gast statt, es geht nicht darum, dass es die Gäste toll haben. Tourismus passiert in erster Linie für die Einheimischen und entsteht erst durch diese.“


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