Die zarte Kraft des Schmetterlings

„Madama Butterfly“, vertanzt vom Ballettensemble des Tiroler Landestheaters und Stargast Sue Jin Kang, in Enrique Gasa Valgas Choreografie uraufgeführt.

Von Ursula Strohal

Innsbruck –„Das kleine, weibliche Ding, das aber zu lieben versteht bis zum Tode“, hat es dem Komponisten Giacomo Puccini angetan, und dann gibt er diesem Schmetterling eine Kraft und Ausstrahlung, die die ganzen feschen Marines der United States zum Teufel jagt. Seit 1904 fließen in seiner Oper „Madama Butterfly“ Tränen. Nun setzte sich die zarte Cio-Cio-San in Kopf und Herz von Innsbrucks Tanztheaterchef Enrique Gasa Valga fest, verbunden mit der Aura von Sue Jin Kang, der aus Korea stammenden Stuttgarter Primaballerina. Die Uraufführung am Samstag im Großen Haus wurde zu einem Triumph.

Der amerikanische Marineoffizier Pinkerton erwirbt in Japan ein Haus samt Inventar und, wie einst üblich, der Frau des Hauses. Er erliegt ihrem Zauber, Cio-Cio-San aber, „Madama Butterfly“, verliebt sich ernsthaft in ihn. Er verlässt sie, heiratet in Amerika. Als er kommt, um das gemeinsame Kind zu holen, bleibt ihr nur das Schwert des Vaters.

Gasa Valga übernimmt für einige Handlungsstränge Szenen aus der Oper, nicht aber die durch Puccinis Musik westlich geprägte emotionale Grundhaltung. Es geht ihm um die Konfrontation der Kulturen. Da auf alte japanische Traditionen zurückgehende Ausdrucksformen, wie sie die Taiko-Trommler und Butoh-Tänzer darstellen, längst von ihrem kultischen Ursprungsraum getrennt die Welt eroberten, kann im modernen Tanztheater als Zitat damit umgegangen werden. So füllt den ersten „Butterfly“-Akt eine große Hochzeitszeremonie, die ohne Authentizitätsanspruch, aber auch ohne Verrat am Ursprung wirkungsvoll divergierende Formen verbindet und in Butterflys Welt hineinzieht. Puccinis Musik klingt nur in kurzem, geschicktem Arrangement (Paul Lugger) für Klavier und Violine an. Die rituelle Vehemenz kommt von einem Taiko-Ensemble. Percussionist Andreas Schiffer entwickelte in Kenntnis des japanischen Trommelspiels die Rhythmen und setzt sie mit Alexander Kunchev, Wolfgang Kurz und Robert Pammer mit kraftvoller Intensität um.

Sue Jin Kang, Verkörperung von Anmut und Schönheit, Gemessenheit, Zartheit und Stärke, ist emotionaler und ästhetischer Mittelpunkt. Gasa Valga stellt sie auf die Spitze, um die Schwerelosigkeit des Schmetterlings zu unterstreichen, und Sue Jin Kangs technische Perfektion lässt alle Schwierigkeit vergessen. Auch im Pas de deux mit Pinkerton hat sie die traditionelle Rolle der Primaballerina. Zur Arie „Un bel di vedremo“ fällt Gasa Valga allerdings nicht viel ein, auch scheinen Musikstücke wie Massenets „Méditation“ und Liszts „Liebestraum“ in der sonst so gelungenen Musikwahl zu klischeehaft-pauschal. Im zweiten Akt bricht die westliche Welt rücksichtslos in die japanische Lebensform ein.

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Helfried Lauckner hat mit einem Felsen und dem verschiebbaren japanischen Haus ein großartiges Bühnenbild für Gasa Valgas bewegte Bilderwelt geschaffen, Eva Praxmarer unterstützt das Verständnis mit zitatenreichen Kostümen.

Die Tänzer und Tänzerinnen des fulminanten Innsbrucker Ensembles leben sich in die beiden Welten ein, wandelbar und ausdrucksstark. In den Solorollen Carlos Contreras Ramirez (Pinkerton), Mohana Rapin (Suzuki), David Rodriguez Canabate (Goro), Leoannis Pupo-Guillen (Goro), Roilán Ramos Hechavarria (Leutnant) und Natalia Fioroni (Kate). Yin und Yang, als Lebenselement das helle und das dunkle Prinzip der chinesischen Philosophie, haben in Clara Sorzano Hernández und Marie Stockhausen grandiose Ausdrucksträgerinnen. Gasa Valga findet hier zu einer neuen Ausdruckssprache, ohne die Figuren real zu verkörpern.


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