Schmeichelhaftes Begehren

Marion Vernoux lässt in „Die Schönen Tage“ die französische Filmdiva Fanny Ardant einen ironischen Blick auf eine Biografie voller Leidenschaft werfen.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nach 30 Jahren in der gemeinsamen Zahnarztpraxis haben Caroline (Fanny Ardant) und Philippe (Patrick Chesnais) auch in ihrer Ehe einen angenehmen Status des unverbindlichen Miteinanders erreicht, das sie mit Milde auf das Alter und die ersten Anzeichen des Verfalls blicken lässt. Hin und wieder beaufsichtigt Caroline die Enkelkinder, weshalb sie von ihren Töchtern mit einem Gutschein für den Seniorenclub „Die Schönen Tage“ beschenkt wird, nachdem sie ihren Anteil an der Praxis aufgegeben hat. Die Pensionistin soll nach einem erfüllten Berufsleben schließlich nicht in das tiefe Loch des Stumpfsinns fallen. Für ein kreatives Rentnerdasein werden Töpfer-, Wander-, Computer- und Schauspielkurse angeboten. Der Bequemlichkeit wegen entscheidet sich Caroline für das Schauspiel, aber bereits die erste Übung treibt sie an den Rand der Hysterie.

Nach einem heimischen Computerproblem möchte sie den Gegenwert des Gutscheins nicht verfallen lassen und sucht den Softwarespezialisten Julien (Laurent Lafitte) auf, der seinerseits unter einem Hardwareproblem leidet. Caroline sieht sich die Zähne des jungen Mannes an, der sich bereits als Kind unter dem Vorwand unerträglicher Schmerzen der Zahnärztin genähert hat. Diese seltsame erotische Verwirrung sollte der Pensionistin zu denken geben, doch die Begierde des Fremden ist einfach zu schmeichelhaft und der Alltag zu trist, weshalb sich Caroline einer amour fou, einer verrückten Liebe, hingibt, die in der Kleinstadt bald als Skandal wahrgenommen wird. Philippe, der gerne mit seltenen Weinen aus dem Keller überrascht, ist nur von Carolines verkehrt getragenem Pullover peinlich berührt. Für einen Gefühlsausbruch ist sein Haushalt nicht mehr eingerichtet.

Vor 30 Jahren wurde Fanny Ardant an der Seite von Gérard Depardieu in François Truffauts „Die Frau nebenan“ – über die Liebe als mörderische Obsession – zum Star. In „Die Schönen Tage“ spielt Ardant eine Frau, die vielleicht einmal zu diesen Gefühlen fähig war, aber nun mit leichter Ironie auf die Ereignisse und die sie umgebende Realität blickt. Ihre Liebesgeschichte mit dem Computerlehrer hat alle Beigaben für ein großes Drama und Julien könnte sich sogar als tragischen Helden sehen. Andererseits liest Caroline in den Augen ihres jungen Liebhabers die Sehnsucht nach der Haut der Zwanzigjährigen. Immerhin kann sie die Erinnerungen an diese Episode als frivole Fantasie und Möglichkeit in das nun freiwillig gewählte Exil des Alters mitnehmen.

Wie in allen Filmen über das Altern verfolgt auch Marion Vernoux in „Die Schönen Tage“ (nach dem Roman „Une jeune fille aux cheveux blancs“ von Fanny Chesnel) eine Strategie der Beschwichtigung, obwohl sie bereits ganz andere und wütendere Filme realisiert hat. Wie Isabella Rossellini in „Late Bloomers“, Jane Fonda in „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ oder Maggie Smith und Judie Dench in „The Best Exotic Marigold Hotel“ bleibt auch für Fanny Ardant als Caroline nur das abgekartete Spiel der Würde. Bernadette Lafont und Bulle Ogier durften in „Überdreht und durchgeknallt“ von Marion Vernoux noch einmal die Anarchie erproben.

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