„Baut die Weltarchitektur!“

Die Ausstellung „Dreamland Alps“ im Archiv für Baukunst ergeht sich im hemmungslosen Höhenrausch von ehrfürchtiger Anbetung bis zu brutaler Unterwerfung.

© Archiv für Baukunst

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Schluchten, überspannt von Bögen aus farbigem Glas, Kristallpaläste, Äolsharfen – kurz: eine derart atemberaubende Herrlichkeit, dass allein ihr Anblick Krankheiten zu heilen imstande ist. Es waren die Schrecken des Ersten Weltkrieges, die Bruno Tauts Vision von einer kristallinen Kunstlandschaft genährt haben: In seinem 1919 veröffentlichten Mappenwerk ist die „Alpine Architektur“ Ausdruck der Sehnsucht nach universellem Frieden und einer besseren Welt, in der sogar die Berge selbst von Vereinigung mit dem menschlichen Schöpfergeist träumen: „Ihr Hüttenbaukünstler werdet erst Künstler! Baut uns! Wir wollen nicht bloß grotesk sein, wir wollen schön werden durch den Menschengeist. Baut die Weltarchitektur!“

Der romantischen Utopie folgen rund neunzig Jahre später technisch-ökologische: Ross Lovegroves (nicht realisierte) „Alpine Capsule“ auf dem 2100 Meter hohen Piz La Ila in den Dolomiten soll mit Wind- und Sonnenenergie völlig autonom funktionieren und als mit der Landschaft verschmelzende „Wohnzelle“ eine Übernachtungsmöglichkeit bieten. 1938 interpretierten Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret das – ebenfalls unrealisierte – Biwak noch als ein von der Struktur des Karussells inspiriertes, tonnenförmiges Aluminiumgebilde, dessen Innenräume nur durch die Körperwärme der Benutzer beheizt werden.

Aber es geht in „Dreamland Alps“, einem in Kooperation zwischen der französischen École Nationale Supérieure d’Architecture ENSA de Versailles und dem Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck realisierten Ausstellungsprojekt, keineswegs nur um technischen Fortschritt. Vielmehr wagt man sich auch auf philosophisch-soziologisches Terrain, wenn Gebirgsbauten als Spiegel des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur betrachtet werden: Von der Ehrfurcht vor der Erhabenheit der Bergwelt bis zur ihrer brutalen Unterwerfung zum Zwecke des Massentourismus ist einiges dabei, etwa auch die Architektur als Dispositiv für jene „gefügigen Körper“, die gemäß der faschistischen Ideologie in der Kinderferienkolonie von Fiat in Italien geformt werden sollten.

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22 Projekte umfasst die Schau, die von Innsbruck aus weiter nach Italien, Frankreich und in die Schweiz wandern soll. Ausgewählt wurden „die emblematischsten, ikonischsten, verrücktesten“, exemplarisch für „utopische Projektionen und Projekte in den Alpen“ stehenden, so Kuratorin Susanne Stacher, deren Studenten an der ENSA die Modelle nachgebaut haben, wodurch manch ein Projekt zum ersten Mal dreidimensionale Formen annimmt. Von Adolf Loos’ 1913 für den Semmering entworfenem Wintersporthotel gab es eines, realisiert wurde es nicht. Wohl aber Lois Welzenbachers Kinderheim Ehlert oder Marcel Breuers „Hotel Flaine“ in Frankreich von 1969, das eine in Beton gegossene Macht des Menschen über die Natur versinnbildlicht, von der das Publikum des Alpen-Rundgemäldes am Londoner Leicester Square 1793 wohl nicht einmal zu träumen wagte.

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