Bulldozer für Israel: Niemand will Sharons politisches Erbe

Nach der Trauerfeier vor dem Parlament in Jerusalem wird Israels ehemaliger Premier Ariel Sharon heute in der Negev-Wüste beigesetzt. Das Vermächtnis des Verstorbenen bleibt widersprüchlich und unklar.

Jerusalem - Auf seiner Farm in der Negev-Wüste wird der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon heute beigesetzt. Staatspräsident Shimon Peres und hochrangige Gäste aus dem In- und Ausland versammelten am Vormittag vor dem Parlament in Jerusalem, um von dem im Alter von 85 Jahren Verstorbenen Abschied zu nehmen.

„Du warst die Schulter, auf der die Sicherheit unseres Volkes ruhte“, sagte Peres, der Sharon bereits als jungen Studenten kennengelernt hatte. Netanyahu meinte Sharon sei „einer der größten Kämpfer des Volkes Israel und der israelischen Armee“ gewesen.

Diese Bekundungen zeigen, dass Sharon in Israel einhellig als einer der bedeutendsten Politiker des Landes angesehen wird, doch das politische Erbe des am Samstag verstorbenen will niemand so richtig übernehmen. Dies liegt vor allem daran, dass das Vermächtnis unklar und wie das gesamte Leben Sharons äußerst widersprüchlich ist.

Keines der politischen Lager in Israel sieht sich wirklich in der Tradition des mit 85 Jahren verstorbenen Politikers.

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Sharon erzürnte Linke und Rechte

Israels Linke zürnt Sharon, weil er den Siedlungsbau in den besetzten Palästinensergebieten massiv vorantrieb und 1982 den Libanon-Feldzug verantwortete, der im Desaster mit vielen zivilen Toten endete. Die Rechte wiederum hat ihm nicht verziehen, dass er 2005 den Rückzug der Armee aus dem Gazastreifen anordnete und die dortigen jüdischen Siedlungen gewaltsam räumen ließ. Seine oft rücksichtslose Art brachte ihm den Beinamen „Bulldozer“ ein.

Ultranationalistische Siedler und auch die Anhänger der rechtsgerichteten Likud-Partei, die Sharon lange geleitet hatte, fühlen sich von ihm verraten. „Sicherlich sind - wie auch ich - viele unter uns bis heute voll des Ärgers wegen der Vertreibung der 8000 Siedler und den schlimmen Folgen für die Bürger Israels“, schrieb Wirtschaftsminister Naftali Bennet unlängst auf Facebook. „So etwas darf niemals wieder passieren, niemals“, fuhr der Führer der nationalreligiösen Siedlerpartei Jüdisches Heim fort.

Ohne den Namen Sharon direkt zu erwähnen, verweist auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu immer wieder auf den Gazastreifen, wo zwei Jahre nach dem israelischen Abzug die radikalislamische Hamas die Macht eroberte und seitdem immer wieder Raketen auf Israel abfeuert. Im Westjordanland dürfe sich dies nicht wiederholen, die israelische Kontrolle über dortige strategisch wichtige Gebiete müsse gewährleistet sein, betont der ebenfalls zu Likud gehörende Netanyahu in den laufenden Friedensverhandlungen unablässig.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums begrüßten die sozialdemokratische Arbeitspartei und die links-pazifistische Meretz Sharons späte politische Kehrtwende. Sie kritisierten aber, dass diese unilateral vollzogen wurde. Indem Sharon es als Regierungschef ablehnte, den Rückzug aus Gaza mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas zu verhandeln, habe er diesen geschwächt und letztlich der Hamas den Weg bereitet.

Visionen verblasst

Bliebe theoretisch die zentristische Partei Kadima, die Sharon zwei Monate vor seinem Schlaganfall aus dem Likud abspaltete. Kurz nachdem der Regierungschef vor acht Jahren ins Koma fiel, wurde Kadima bei Parlamentswahlen zwar mit 29 der 120 Knessetsitze mit großem Abstand zur stärksten Kraft. Likud, nun von Netanyahu geführt, blieben damals nur noch zwölf Mandate.

Aber ohne Sharons überwältigende Präsenz verblassten die patriotisch-pragmatischen Visionen des „Bulldozers“ bald und die Kadima schaffte bei den Wahlen vor einem Jahr mit nur noch zwei Sitzen nur hauchdünn den Verbleib in der Knesset. Eine traurige Rolle beim Untergang trug Mitte 2012 Sharons politische Weggefährtin Tzipi Livni, die mit ihm den Likud gespalten und die Kadima gegründet hatte. Sie wurde von der Parteispitze verdrängt und gründete ihre eigene liberale Partei Hatnua.

Inzwischen ist Livni Justizministerin unter Netanyahu und Chefunterhändlerin in den Direktgesprächen mit den Palästinensern. Sie gilt als Taube in der gegenwärtigen Regierung und ist bereit, weitaus größere territoriale Zugeständnisse zu machen, als Sharon je in Betracht zog. Wobei: Bis heute weiß niemand, ob der Rückzug aus dem Gazastreifen nur der Auftakt oder schon der Schlusspunkt der Friedensbemühungen Sharons sein sollte. Gesichert ist nur eins: In den acht Jahren, in denen Sharon im Koma lag, gab es keinen wirklichen Durchbruch bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern.

Mit Textbeiträgen von Jean-Luc Renaudie, einem Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP.


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