Der Gelehrte lernt das Staunen

In seinen „Fragmenten aus dem Orient“ zeigt sich der gebürtige Tiroler Jakob Philipp Fallmerayer als vielschichtiger Reiseerzähler.

© Raetia

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Das Hadern mit dem ersten Satz war Jakob Philipp Fallmerayer – zu Lebzeiten geachteter und viel diskutierter Geschichtsforscher – nicht unbekannt. Im Gegenteil: Während er im Juli und August 1840 die Strecke von Regensburg bis Trapezunt, dem heutigen Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste, zurücklegte, führte er ein penibles Tagebuch, doch alles, was er während dieser 33-tägigen „Eilfahrt“ mit Stopps in Linz, Wien und Konstantinopel notierte, erschien ihm „reizlos, leer und unbedeutend“. Erst nach seiner Rückkehr wolle er die Leser der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AAZ), die Fallmerayers Fahrt in den vorderen Orient finanzierte, mit Bruchstücken seines Tagebuches „heimsuchen“. Nicht ohne die Sache davor „reiflich zu erwägen, sich in fremden Schriften Raths zu er hohlen, zu malen und zu pinseln, zu verdecken und herauszuheben, so daß zuletzt selbst Alltägliches und an sich Unbedeutendes durch Kunst Leben und Farbe gewinnt“.

Damit erklärt der 1790 in Tschötsch bei Brixen geborene Fallmerayer, der als Begründer der Byzantinistik ein Kapitel Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat, ganz beiläufig sein Verfahren als Schriftsteller. Denn die Schilderungen seiner zweiten Reise in den Orient entstanden am Schreibtisch. Dort ordnete er seine Eindrücke, verdichtete sie und komponierte daraus seine „Fragmente aus dem Orient“. Dass er sein Unterfangen für gelungen hielt, beweist dementsprechend schon der so selbstbewusste, so stilsichere, so überraschend moderne erste Satz seines lange Jahre vergriffenen und jetzt in der Edition Raetia wieder aufgelegten Werks: „Das Problem ist glücklich gelöst.“

Die Reise nach Trapezunt war für Fallmerayer gewissermaßen die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Der Stadt verdankte er seinen Ruhm. Für seine „Geschichte des Kaiserreichs Trapezunt“ wurde der Privatgelehrte ohne Universitätsabschluss 1824 von der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet, brachte seine akademische Karriere auf den Weg und erregte Aufsehen. Vor Ort aber war Fallmerayer noch nie und jetzt fällt ein erstes Fazit ernüchternd aus: Wer in Trapezunt „auf der Straße stille steht, ein Haus, eine Inschrift oder eine Mauer betrachtet, beleidigt schon das öffentliche Gefühl und ist verdächtig“, wer abgelegene Winkel aufsucht, kopiert und beständig notiert, sowieso.

Er zieht weiter, beschreibt was er sieht, kommentiert mit der spitzen Feder des Spötters Alltägliches genauso wie Weltpolitisches, gerät ins Schwärmen und kommt – beispielsweise am Berg Athos – zu überraschend lakonischen Einsichten über die Vergänglichkeit ehemals ehrfurchtgebietender Großmächte: „Sehet und lernet was den Völkern nerven- und thatenlose Psalmodie im Kampfe gegen das Schicksal nützt.“

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Fallmerayers „Fragmente“, man könnte sie durchaus als Essays und gewissermaßen als ausufernde Vorarbeiten zu einem großen – nie geschriebenen – Werk über das bis zum heutigen Tage schwierige Verhältnis des Orients zum Okzident bezeichnen, bestechen dabei vor allem durch die Sprachgewalt des Autors. Seine Landschaftsschilderungen, die sich immer wieder Abschweifungen und überraschendes Innehalten erlauben, erinnern manchmal an den getragenen Ton Adalbert Stifters, dann wieder an assoziative Beschreibungsansätze moderner Autoren. Spielerisch und nur auf den ersten Blick ziellos kombiniert Fallmerayer die historische Abhandlung mit der Anekdote, quellensatte Gelehrsamkeit mit profanem Treiben und politische Betrachtungen mit andächtigem Staunen. Aus diesem Neben-, Durch- und Übereinander verschiedener Stimmen und Ansätze ergibt sich auch die nicht immer leise Ironie, die Fallmerayers Texte auszeichnet. Mitunter kommt man nicht umhin, bei Fallmerayers so hintersinnigen Reiseberichten an die Erzählkunst Thomas Manns zu denken.

Während manche von Fallmerayer mit großem Materialaufwand vorgetragenen wissenschaftlichen Thesen, etwa die Ansicht, dass das alte Hellenentum im Mittelalter ausgerottet wurde, mittlerweile widerlegt sind, gilt es, mit den „Fragmenten aus dem Orient“ einen ebenso stilvollen wie feinsinnigen Erzähler wiederzuentdecken.

Für den Zeichner Paul Flora war Jakob Philipp Fallmerayer die bedeutendste literarische Figur, die Südtirol seit Oswald von Wolkenstein hervorgebracht hat. Immer wieder machte er sich für eine Wiederauflage der Werke des 1861 in München gestorbenen Autors stark. Das Erscheinen der Gesamtausgabe der „Fragmente“ erlebte der 2009 verstorbene Flora, genauso wie Schauspieler Gert Westphal, der Auszüge von Fallmerayers Schriften kurz vor seinem Tod 2002 für eine dem Band beigelegte CD einsprach, nicht mehr.

Jakob Philipp Fallmerayer. Fragmente aus dem Orient. Erster und zweiter Band. Herausgegeben von Ulrich Mathà, Edition Raetia, 467 Seiten, 39,90 Euro.


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