Geld ist die beste aller Drogen

Mit der Börsensatire „The Wolf Of Wall Street“ liefern Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio einen Meilenstein des Kinos.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Kann jemand, der 50 Millionen Dollar im Jahr verdient, ein schlechter Mensch sein? Das ist eine Frage der Perspektive, aber zuerst einmal verkörpert der Mann den amerikanischen Traum. In der Eröffnungssequenz von „The Wolf Of Wall Street“ lässt Martin Scorsese einen Löwen durch ein Großraumbüro trotten, doch statt Gazelle und Zebra sieht das wilde Tier nur Bestien an ihren Schreibtischen sitzen und Schrottpapiere verkaufen. Wir haben verstanden: Es geht um Raubtierkapitalismus. In der nächsten Szene stellt sich der Erzähler im Off vor, dazu brettert Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) in einem roten Ferrari über die Autobahn. Die Offstimme sagt wie in einem Werbeclip „mein Auto, meine Frau, mein Leben“, ein Blondine nickt beifällig im üblichen Rhythmus über seinem Schoß. Der rücksichtslose Fahrstil ist vielleicht dem Entzücken geschuldet, doch die Beschreibung steckt voller Lügen. Der Ferrari ist in Anlehnung an „Miami Vice“ natürlich weiß und wird sofort ausgetauscht, nur die Dame im Schoß bleibt blond, aber nicht Ehefrau. Damit hat der Meisterregisseur in zwei Minuten vorgeführt, was für die nächsten drei Stunden zu erwarten ist – nicht unbedingt die Wahrheit, aber rasantes Kino, das auf Vorrang und Stoppschilder wie politische Korrektheit verzichtet, denn die Geschichte ist längst zu Ende, Jordan Belfort, dessen gleichnamiger Biografie der Film folgt, erzählt vom Gefängnis aus. Er war in den 1990er Jahren unter den von Investoren bewunderten Betrügern der kriminellste. Statt der angedrohten 20 Jahre musste er nur 22 Monate absitzen.

1987 checkt Belfort in der Wallstreet als schüchterner Broker ein und kaum hat ihn Mark Hanna (Matthew McConaughey) in die Geheimnisse im Umgang mit Devisen, Martini, Kokain und Huren eingewiesen, bellt die Börsenuhr am 19. Oktober 1987 den Schwarzen Montag ein. Nichts geht mehr, der Arbeitslose muss wieder Stellungsanzeigen schmökern.

Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Asphalt der Realität lenkt Belfort bald schon wieder einen Jaguar und beginnt, eine Mannschaft von Komplizen um sich zu scharen, die keine Skrupel kennt. Nach einem vergeblichen Versuch, die Männer mit der Besessenheit von Kapitän Ahab zu begeistern und der Frage, „Wer ist Kapitän Ahab?“ weiß Belfort, dass er nur mit lebendigen Beispielen und nicht mit literarischen Metaphern wirken kann. Damit seine Komplizen verstehen, wie das Spiel der Verführung aus Locken, Zögern, Vorspiel, und Zuschlagen funktioniert, lässt er sie bei seinem nächsten Opfer über den Lautsprecher mithören, wobei er die Zweifel, die Ängste und die erwachende Gier seines stammelnden Opfers am anderen Ende der Leitung pantomimisch karikiert. Allein in dieser Einstellung liefert Leonardo DiCaprio abwechselnd James Cagney, Jerry Lewis und Al Pacino ab und diese Virtuosität hat ihm vor ein paar Tagen den redlich verdienten Golden Globe eingebracht. Dieses Telefonat ist aber auch eine Visualisierung der Protokolle aus der Vorstandsetage der Anglo Irish Bank, die sich während der Finanzkrise 2008 über die Milliardenhilfe beinahe totlachten. Daher hat sich Scorsese auch für die Form der schrillen Satire entschieden, denn das Kino ist kein Gerichtssaal.

„The Wolf Of Wall Street“ ist ein Drogenfilm, Kokain und Quaaludes werden aus Großpackungen gesogen und geschluckt, aber die beste aller Drogen ist das Geld mit ähnlichen Nebenwirkungen. Es ist aber vielleicht die Leichtigkeit, mit der DiCaprio den Schurken Belfort ausstattet, der Kokainstraßen um den Schließmuskel einer Prostituierten anlegt, aber der Erfahrung wegen auch zu einer brennenden Kerze im eigenen Po nicht Nein sagt, die viele Kritiker an der Ernsthaftigkeit von Scorseses amoralischem Sittengemälde zweifeln lässt.


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