Man kann sich auch für den Wahnsinn entscheiden

Düster und dennoch voller Poesie: Alfred Goubran lässt seinen Protagonisten zwischen Träumen und Halluzinationen wandeln.

Der in Wien lebende Autor Alfred Goubran betreibt auch das Musikprojekt [goubran]. Im April erscheint sein erstes Album „Die Glut“.Foto: Johannes Puch
© Johannes Puch

Von Brigitte Warenski

Innsbruck –Elias hat es sich in seiner Zwischenwelt beinahe gemütlich eingerichtet: Er verlässt sein kleines Zimmer kaum mehr, hat sich von allen gesellschaftlichen Verpflichtungen losgesagt. Am Leben hält er sich mit Resten aus dem Müll und Gelegenheitsjobs. Die Einsamkeit lindert das „Volk der Nacht“, das er im Café trifft, und die Besuche von Carmen, Claudia, Martha oder Rosemarie.

Weil Elias keine Vorstellung hat, ob das Ewig-Gleiche sein Dasein bis zum Ende weiterbestimmt und weil die Zeit stehen gelieben scheint, reißt der österreichische Liedermacher und Schriftsteller Alfred Goubran seinen Protagonisten aus der jahrelangen Apathie. Goubran schickt Elias in einem langen, öden Winter auf eine Reise. Elias nimmt scheinbar den Zug Richtung Meer und schlägt sich durch die einsame Bergewelt Richtung Schloss im Niemandsland. Weil aber Goubran sein neues Werk nicht nur „Roman einer Reise“ nennt, sondern auch „Durch die Zeit in meinem Zimmer“, verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ob Elias sein Zimmer überhaupt verlassen hat, bleibt offen. Die Reise könnten Träume sein, mit denen Elias die Vergangenheit verarbeitet. Die Reise sind vielleicht aber auch Halluzinationen, die Elias während einer lebensbedrohlichen Krankheit heimsuchen. Die Reise mag das Zeitfenster zwischen Gegenwart und Zukunft darstellen. Oder die Reise ist der letzte bewusst gewählte Schritt in den Zustand des Wahnsinns, den Elias seinem perspektivlosen Leben vorzieht. Verschlungen, phantastisch und düster sind die Reisewege allemal, die Elias sich erwählt. „Als wäre er einem Film Noir entsprungen. Und in einem Katastrophenfilm gelandet“, schreibt Goubran. Dass der Leser der Romanfigur in die größte Katastrophe folgt, hat nicht nur mit Elias’ kafkaesker Lebensgeschichte zu tun. Es ist auch Goubrans Sprache, die selbst Bitternis und Tristesse Poesie verleiht und wenn auch nur zwischen den Zeilen dem Schönen des Lebens Raum gibt. Ein Buch für Leser, die sich Zeit nehmen für einen Autor, der sich nicht auf den ersten Seiten erschließen lassen will.

Alfred Goubran. Durch die Zeit in meinem Zimmer. Roman einer Reise. Braumüller Verlag, 196 Seiten, 19,90 Euro.

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