„Im Ernstfall ist mir Neid lieber als Mitleid“

Wenn es um Chancengleichheit für behinderte Menschen geht, kommt keiner an Marianne Hengl vorbei. Ihre Hartnäckigkeit und Leidenschaft sind über die Grenzen Tirols hinaus bekannt. Ein Gespräch über die Sinnhaftigkeit schöner Körper, Glück und das Leben anlässlich des fünfzigsten Geburtstags einer besonderen Frau.

© thomas boehm

Sie feiern jetzt Ihren fünfzigsten Geburtstag. Was war rückblickend betrachtet die schwierigste Zeit in Ihrem Leben – die Kindheit, Jugend...?

Marianne Hengl: Die Jugend. In diesem Alter will man cool sein und bei den Freundinnen, aber natürlich ganz besonders bei den Burschen anerkannt werden. Man will in diesem Alter einfach mithalten können, und da wurde ich oft knallhart auf meine Grenzen verwiesen. Ich musste mich, mehr denn je, bewusst mit meiner Behinderung auseinandersetzen. Meine ehemaligen Spielgefährten gingen jetzt in die Disco und es war ihnen oft zu anstrengend und aufwändig, mich im Rollstuhl im Schlepptau zu haben.

Ihre Eltern und Geschwister konnten Ihnen wohl nicht helfen...

Hengl: Nein, die wollte ich damit auch gar nicht belasten. Diese Zeit habe ich mit mir selber austragen müssen.

Welche Strategie hat Ihnen letztendlich geholfen, dass Sie doch lebensfroh und aktiv werden konnten?

Hengl: Ich habe begonnen, mit meinem Körper zu reden, hab’ mich an ihn herangetastet, versucht, ihn nicht zu hassen und für Schlechtes verantwortlich zu machen. Irgendwann hab’ ich mich mit ihm versöhnt und akzeptiert, dass er ein Teil von mir ist. Gleichzeitig hab’ ich im Alltag gemerkt, dass ich vieles erreichen kann, wenn ich nicht aufgebe. Ich habe gespürt, dass mein Wille und meine Hartnäckigkeit Berge versetzen können.

Ein schöner Körper kann seit jeher den gesellschaftlichen Wert eines Menschen steigern. Allein wenn man an die Schönheits-Industrie samt Schönheits-OPs denkt, ist das ein milliardenschwerer Markt. Können Sie als körperbehinderter Mensch das verstehen?

Hengl: Nein, meiner Meinung nach macht dieser Körperkult die Menschen nur unsicher, krank und unzufrieden. Im Prinzip geht es hier nur um oberflächliche Dinge, die in Wahrheit im Leben keine Rolle spielen, um eine Lüge, die davon ablenkt, dass seelische Bedürfnisse vom Körper unabhängig sind. Was nützt einem der schönste Modelkörper, wenn die Seele krank ist? Ein schöner Körper allein macht keinen glücklich. Es geht um mehr im Leben. Durch diesen Körperkult wird nur davon abgelenkt, was uns – egal, ob behindert oder nicht – letztendlich allen blüht: Wir werden irgendwann hilflos, alt und gebrechlich.

Auf Frauen lastet dieser Druck des perfekten Körpers gesellschaftlich gesehen ja viel mehr als auf Männern. Trotzdem haben Sie als schwer körperbehinderte Frau einen gesunden Mann geheiratet. Hätten Sie in jungen Jahren je damit gerechnet?

Hengl: Nein, das hatte ich mir im Laufe der Jahre abgeschminkt, ich hielt es irgendwann sogar für völlig unrealistisch. Ich dachte, welcher Mann würde schon eine pflegebedürftige Frau haben wollen. Deshalb hab’ ich lange Zeit alles auf den Beruf gesetzt.

Würden Sie sagen, dass Sie eine ganz normale Ehe mit ähnlichen Themen und Problemen wie viele führen?

Hengl: Ja, ich fühle mich als ganz normale Frau, mit dem einen Unterschied, dass ich Assistentinnen und Assistenten, meine Engel, im Alltag brauche.

Sie sind eine Gegnerin der Pränataldiagnostik. Könnten Sie die Angst werdender Eltern vor einem behinderten Kind verstehen?

Hengl: Ja, gleichzeitig habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern oft mit dieser Entscheidung alleingelassen werden, und das darf nicht sein! Trotzdem gibt es viele Mütter und Väter, die sich für ihr behindertes Kind entschieden haben, nachdem sie sich von meiner Lebensfreude überzeugen haben lassen. Mir war es immer wichtig, aufzuzeigen, dass eine Behinderung kein glückliches Leben ausschließt. Als ich ein Baby war, haben sich meine Eltern auch anhören müssen, dass es besser gewesen wäre, wenn das „arme Kind“ sterben würde. Und jetzt bitte schauen Sie sich mein spannendes Leben an. Ich bin ein glücklicher Mensch.

Sie sind auch eine perfekte Netzwerkerin, die viele Firmenchefs ins Boot holen kann, zig Projekte erfolgreich ins Leben gerufen hat, in TV-Sendungen auftritt und behinderten Menschen hilft. Mittlerweile kann man sagen, dass Sie selbst ein Promi sind. Ist Ihre Arbeit damit einfacher?

Hengl: Mit dem Begriff Promi kann ich gar nichts anfangen. So fühle ich mich auch nicht, ich bin ein bodenständiger Mensch, der weiß, worum es im Leben geht. Klar bin ich öffentlich viel präsent, aber ohne das hätte ich nie so viel weitergebracht. Ohne Medien wäre meine Botschaft nie so groß hinausgetragen worden. Mir ging es dabei immer um die Sache, nie um mich. Ich würde eher sagen, dass ich immer sehr viel gearbeitet habe und damit viel Vertrauen in meine Arbeit aufgebaut habe. Das hilft mir heute.

Sagen Sie das jetzt, weil es auch Menschen gibt, die sagen, „die Hengl, die ist auch überall“. Stört Sie das?

Hengl: Das ist die Kehrseite des Erfolgs. Klar gibt es Leute, die das sagen, aber damit muss ich leben. Das ist einfach so. Mir ist im Ernstfall aber Neid lieber als Mitleid.

Sie haben viele Auszeichnungen erhalten, waren u. a. „Österreicherin des Jahres“ – welcher Preis ist Ihnen am wichtigsten?

Hengl: Dass ich Ehrenbürgerin meiner Heimatgemeinde Weißbach bin. Für mich gibt es nichts Schöneres. In diesem Dorf bin ich als Kind auf dem Boden herumgerutscht. Diese Auszeichnung bedeutet mir persönlich unheimlich viel. Darauf bin ich wirklich sehr, sehr stolz.

Das Gespräch führte Liane Pircher


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