Viel Raum für zeitlose Worte

Ein beeindruckender Protagonist und jede Menge Leerlauf: Sylvia Richter Neuinszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ am Tiroler Landestheater.

Andreas Wobig als jüdischer Kaufmann Nathan und Sergej Gößner als christlicher Tempelherr.
© TLT/Larl

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Gotthold Ephraim Lessing brachte den „Nathan“ in einer Krisenzeit zu Papier. Er trauerte um Frau und Kind, die er innerhalb weniger Tage zu Grabe tragen musste, und verstieg sich in einen zusehends polemischer geführten theologischen Grundsatzstreit mit hochgestellten Würdenträgern, die ihm ein fürstlich verordnetes Veröffentlichungsverbot zur Sache eintrugen. „Ich muss versuchen“, schrieb er damals, „ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen.“ Über den Umweg eines „dramatischen Gedichtes“ also formulierte der bedeutendste Bühnenautor der deutschen Aufklärung sein Bekenntnis zu vernunftgeleiteter Toleranz und ersann ein zeitloses Stück über das friedliche Neben- und Miteinander von Juden, Christen und Muslimen.

Leise Zweifel an der Bühnenwirkung seines „Nathan“ hegte schon der Autor selbst. „Genug, wenn er sich mit Interesse nur lieset (...)“, schrieb er kurz nach Fertigstellung. Und tatsächlich reüssierte der 1779 veröffentlichte Text zunächst als „Lesedrama“. Die Uraufführung von „Nathan der Weise“ erlebte Lessing nicht mehr. Sie fand – zwei Jahre nach dem Tod des wegweisenden Dichters und Denkers – 1783 in Berlin statt. Seither steht der „Nathan“ regelmäßig auf den Spielplänen großer Häuser. Aber ganz ausräumen ließ sich Lessings Zweifel selten. „Nathan“ ist zu viel Traktat, zu viel Erklärung fürs Theater, das sich – im besten Fall – darauf versteht, nicht nur auf- und vorzuführen, sondern seine Inhalte erfahrbar zu machen.

Es mag auch damit zu tun haben, dass einen Sylvia Richters Neuinszenierung des Klassikers am Tiroler Landestheater etwas rätselnd zurücklässt. Wie soll man das, was man gerade erlebt hat, benennen? Versuchen wir es mit einer Anleihe aus dem Musiktheater: Dieser „Nathan“ kommt gewissermaßen konzertant zur Aufführung. Im Zentrum steht – vergleichbar einer szenischen Lesung – der Text. Für den hat Dietmar Teßmann, der neben der Bühne auch die Kostüme verantwortet, einen großen Raum geschaffen. Eine Baustelle, an der sich sinnigerweise gleich mehrere Architekten versucht haben. Wie im Stück die Religionen treffen hier die Stile aufeinander. Eine an sich nette Idee, doch die Regie greift sie nicht auf: Was bei Lessing zur Einsicht führt, dass man im scheinbar verachtenswert Fremden viel Vertrautes finden kann, wirkt hier wie ein beliebiges Mash-up. Im Grunde hätte man auch ganz darauf verzichten können, denn dieses Bühnenbild ist Kulisse im wahrsten Sinn des Wortes, sprich: Es steht zu dem, was sich davor abspielt, in keinem Verhältnis. Davor wird der „Nathan“ gegeben und auch hier hält sich Richter zurück. Ein wirkliches Konzept jedenfalls lässt sich nicht herausarbeiten, nur eine vergleichsweise uninspirierte Folge von Auftritten und Abgängen, in deren Zentrum Andreas Wobig als Nathan steht.

Ihm ist es zu verdanken, dass Lessings auch heute noch beeindruckend hellsichtiges und mühelos zwischen Komik und Tragödie wechselndes Werk trotz allem funktioniert. Wobig erlaubt sich Pausen, kleine Gesten. Er erweckt nicht nur seine Figur, sondern den Text selbst zum Leben und vermag es den Raum, dem ihm die (Nicht-)Inszenierung bietet, tatsächlich zu füllen. Seine Mitspieler tun sich damit merklich schwerer: Jan-Hinnerk Arnke beschränkt sich als Sultan Saladin auf mehr als fachgerechte Betonung der Lessing’schen Jamben, Marion Fuhs spielt Nathans Ziehtochter Recha als störrischen Teenager, der in dramatischen Szenen hilflos-trotzig stampft und Sergej Gößner hetzt in langem Mantel und Springerstiefeln wie ein Berserker durch seine Zeilen und verkommt so zum Stichwortgeber. Lediglich Janine Wegener (als Amme Daja) und „Klosterbruder“ Jan Schreiber gelingt es gelegentlich, Akzente zu setzen. Aber um einem – wie gesagt – zeitlosen Klassiker wirkliches Leben einzuhauchen, ist auch das zu wenig.


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