Lernen am Ort der Täter

In München, Hitlers „Hauptstadt der Bewegung“, entsteht ein NS-Dokumentationszentrum um 28 Mio. Euro. Winfried Nerdinger über Erinnerungsorte und Verdrängungsversuche.

Innsbruck –Als vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass jenes Fallbeil, mit dem 1943 die Geschwister Scholl hingerichtet wurden, im Depot des Bayerischen Nationalmuseums in München wieder aufgetaucht ist und umgehend Überlegungen angestellt wurden, es auszustellen, klingelte auch bei Winfried Nerdinger das Telefon. Eine Präsentation im derzeit im Bau befindlichen NS-Dokumentationszentrum München schloss dessen Gründungsdirektor aber aus. „Ein Objekt wie das Fallbeil ist für unsere Aufgabe, nämlich zu informieren und aufzuklären, unpassend. Ich bezweifle, ob ein solcher Tötungsapparat, mit dem über 1000 Menschen hingerichtet wurden, überhaupt in irgendeinem musealen Kontext öffentlich gezeigt werden kann, ohne dass er eine fragwürdige Faszination oder nur einen Schauereffekt ausübt“, erklärte Nerdinger.

Die Eröffnung des Münchner NS-Dokumentationszentrums ist Ende 2014, Anfang 2015 geplant. Im 28 Millionen Euro teuren Neubau, einem weißen Würfel der Berliner Architekten Georg Scheel Wetzel, soll ein Lern- und Erinnerungsort entstehen, den Nerdinger diese Woche im Innsbrucker Archiv für Baukunst vorgestellt hat.

In der Dauerausstellung soll mit Fotos, Dokumenten und anderen historischen Quellen, nicht aber mit Gegenständen und Objekten aus der NS-Zeit gearbeitet werden. Warum?

Winfried Nerdinger: Es handelt sich im Wesentlichen ja um eine Dokumentation von Tätern. Und jedes Original wird im Museum, in einer Ausstellung automatisch ästhetisiert. Das wollen wir vermeiden.

Es geht auch um die Frage, wie München nach dem Krieg mit seiner Rolle als Hitlers „Hauptstadt der Bewegung“ umgegangen ist. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Entstehungsgeschichte des NS-Dokumentationszentrums, die Jahre gedauert hat und von vielen Debatten begleitet war.

Nerdinger: Zuerst muss man sagen, dass es überall in Deutschland Probleme mit der Aufarbeitung gab. In München hat es besonders lange gedauert, weil München auch mehr als jede andere deutsche Stadt mit dem Nationalsozialismus verknüpft war. Es war, wenn man so will, die Stadt des Nationalsozialismus. Die Partei ist dort entstanden – sämtliche Gruppierungen SA, SS, HJ, BDM – und Hitler ist dort groß geworden. Mit Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung, von der Arbeiterschaft bis hin zu Industriellen und bürgerlichen Salons. Deswegen dann auch verschiedenste Verdrängungsversuche bis hin zu solchen Titeln wie „Weltstadt mit Herz“, mit denen man die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ vergessen machen wollte. Es hat zwei Generationen gedauert, bis man an diese Aufarbeitung herangehen konnte. Die begann – wie eigentlich überall in Deutschland – weitgehend über Bürgerinitiativen.

Warum gerade München? Hätte auch jede andere Stadt diese Rolle spielen können, wenn Hitler sie sich ausgesucht hätte?

Nerdinger: Das ist unter Historikern heiß umstritten. Aus meiner Sicht eher nicht. Wir werden in der Ausstellung einen großen Bereich dem Thema „Warum München?“ widmen. Und wir glauben, auch ganz starke Gründe aufzeigen zu können, warum gerade hier die NSDAP entstanden ist, warum sie hier groß geworden ist. Das liegt zum Teil schon in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg begründet, als München zuerst ganz weit nach links ging, eine Räterepublik eingerichtet hat, die wurde dann niedergeschlagen und es ging ganz weit nach rechts, München und Bayern wurden zur so genannten Ordnungszelle, wo sich alle reaktionären Kräfte gesammelt haben. In München gab es den ersten Lehrstuhl für Rassenkunde, die Gesellschaft für Rassenhygiene ist dort eingerichtet worden, hinzu kommt, dass im Polizeipräsidium ein rechtsradikaler Polizeipräsident war, der diese ganzen Machenschaften unterstützt hat.

Immer wieder stellt sich die Frage, wie man heute mit Bauten der NS-Zeit umgeht. Ist Abreißen eine Lösung?

Nerdinger: Geschichtsbewältigung durch Abriss, das hat man in den ersten Jahren der Nachkriegszeit gemacht. Aber deswegen verschwindet ja die Geschichte nicht. Inzwischen ist es üblich, dass man sich mit diesen Orten auseinandersetzt. Aber auch da hat München Probleme, an diesen so genannten Täterorten finden Sie nirgends eine Hinweistafel. Mein Plädoyer wäre es, dass man die steinernen Zeugnisse dieser Zeit dazu verwendet, um zu informieren. Man wird sich am Schluss der Ausstellung eine App herunterladen können, die zu 130 Täter-Orten in München führt. Und wir beziehen die Umgebung, die umgebenden Bauten der NS-Zeit wie den „Führerbau“, direkt mit ein.

An die Schrecken des Nationalsozialismus erinnern vor allem Orte der Opfer, etwa Holocaust-Gedenkstätten. Warum sind auch Orte der Täterschaft wichtig?

Nerdinger: An Opferorten gedenken wir der Opfer, das ist etwas, das Empathie verlangt, da gehe ich auch ganz anders mit dem Ort um. Während es an den Täterorten um rationale Aufklärung geht, darum zu verstehen, warum haben die das gemacht. Und in München sind wir an diesem zentralen Täterort und erläutern, dokumentieren und erklären die Geschichte der Täter. Dabei soll auch gezeigt werden, man kann aus dieser Geschichte etwas lernen, zum Beispiel: Demokratie kann scheitern.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic


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