„Die gemeinsame Tirol-Bank grabe ich derzeit sicher nicht aus!“

Der neue Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher mit seinem Tiroler Kollegen Günther Platter im gemeinsamen TT-Interview.

Herr Landeshauptmann Kompatscher, was wollen Sie tun, um aus dem großen Schatten zu treten, den Ihr Vorgänger Luis Durnwalder wirft, insbesondere, was das Verhältnis zu Tirol und zu Ihrem Amtskollegen Günther Platter anbelangt?

LH Arno Kompatscher: Es geht nicht darum, sich von LH Durnwalder zu distanzieren, im Gegenteil. Aber ich werde mit meiner Politik meinen Weg beschreiten. Wenn man Spuren hinterlassen will, sollte man nicht in Fußstapfen treten. Was das Verhältnis zu Tirol und zu Günther Platter anbelangt: Es stimmt auf menschlicher Ebene. Wir wollen in der Euregio neue Akzente setzen sowie beim Thema „Makroregion Alpen“ aktiv werden. Wir sehen uns als Kernregion der Alpen und wollen eine Vorreiterrolle einnehmen.

Herr LH Platter, was erwarten Sie, dass sich im Zusammenspiel mit Südtirol ändert?

LH Günther Platter: Ich habe mich ja auch mit Luis Durnwalder bestens verstanden. Das war letztlich auch der Grund, weshalb wir einiges weitergebracht haben. Was meinen neuen Kollegen betrifft: Die Chemie passt – und das ist die Grundvoraussetzung.

Beim letzten gemeinsamen TT-Interview der LH Durnwalder und Platter im Mai 2011 versprachen beide, binnen Jahresfrist die Stromnetze beider Länder zu verbinden. Durnwalder ging sogar so weit, dass er erklärte, vorher nicht aus der Politik scheiden zu wollen. Nun ist er doch gegangen. Wie geht es jetzt weiter?

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Kompatscher: Wir sind nicht mehr weit vom Zusammenschluss entfernt. Es haben sich die Prämissen geändert. Man darf nicht vergessen, dass bei uns der Bereich Hochspannung nicht in unseren Bereich fällt, sondern in den der staatlichen „Terna“. Und die Wege nach Rom sind mitunter lang und beschwerlich. Inzwischen sind aber die Voraussetzungen gegeben, dass wir das schrittweise umsetzen können. Jetzt wäre die Aussage, dass binnen Jahresfrist Strom fließt, nicht falsch.

Platter: Wir stehen mit unseren Leitungen am Brenner. Die Tiwag hat ihre Hausaufgaben erledigt. Mir geht es bei diesem Zusammenschluss auch um die Symbolik. Die Trennung der Stromnetze hat ja einen historischen und hochpolitischen Hintergrund. Wenn es uns jetzt gelingt, diese Lücke zu schließen, ist das ein wichtiges Signal.

Ist auch eine gegenseitige Beteiligung an den jeweiligen Landesenergieversorgern geplant?

Platter: Zuerst muss Schritt eins erledigt werden, der Zusammenschluss. Dann werden wir uns mit den weiteren Dingen beschäftigen.

Kompatscher: Derartige Kooperationen sind sicher nicht auszuschließen. Wir werden uns anschauen, was Sinn macht.

So eine gegenseitige Beteiligung würde auch den politischen Willen voraussetzen.

Kompatscher: Wir haben ja eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler, der ja Eigentümer der Unternehmen ist. Eine derartige Aktion muss also auch dahin gehend stimmig sein. Wobei das nicht auszuschließen ist.

Früher wurde intensiv über eine Banken-Kooperation verhandelt. Wie stehen Sie dazu?

Platter: Dieses Thema grabe ich momentan sicher nicht aus.

Nächstes Thema: Der Brennerbasistunnel ist nur dann ein Erfolg, wenn der Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert wird. Um den Druck auf die Transportwirtschaft zu erhöhen, hat Tirol die Autobahnmaut für den Schwerverkehr massiv angehoben. In Südtirol oder Bayern kostet die Maut um mehr als 50 Prozent weniger.

Kompatscher: Das ist tatsächlich ein Problem und Tirol ist da beispielgebend vorgegangen. Aber das Thema ist ein hochpolitisches. Italien befürchtet nämlich immer, dass es vom restlichen Europa abgeschnitten würde, wenn die Maut der Wegekostenrichtlinie entsprechend angehoben würde, ohne entsprechende Alternativen anbieten zu können. Rom will zuerst den Tunnel bauen – und dann die Maut erhöhen.

Die Südtiroler Sicht ist eine andere. Hätten Sie lieber jetzt schon Maßnahmen gesetzt?

Kompatscher: Von unserer Seite gibt es ein klares Bekenntnis zur Kostenwahrheit.

Platter: Da gibt’s ja auch Euregio-Beschlüsse, dass wir die Mauthöhe in Trentino, Südtirol und Tirol gleichschalten. Derzeit ist die Autobahnmaut eine Benachteiligung der Tiroler Wirtschaft. In einem Gespräch mit der zuständigen Verkehrsministerin Bures habe ich Ausgleichsmaßnahmen durchsetzen können.

Haben Sie schon genaue Vorstellungen, wie diese Ausgleichsmaßnahmen ausschauen werden?

Platter: Es wird ein gemeinsames Förderprogramm zur Entlastung der heimischen Wirtschaft geben. Derzeit werden die Details ausgearbeitet. Für die nächsten fünf Jahre stehen hier insgesamt 12,5 Mio. Euro bereit.

Was ist mit der Unterstützung in Bayern?

Platter: Dort ist die Situation ähnlich wie in Südtirol. In Berlin ist die Gigaliner-Welt ausgebrochen. Die haben eher andere Tendenzen. Die Bayern allerdings sehen das ähnlich wie wir und die Südtiroler.

Blicken wir ein paar Jahre zurück zum Gedenkjahr 2009: Damals sollte der Euregio Leben eingehaucht werden. Wo wollen Sie in den nächsten Jahren Schwerpunkte setzen?

Platter: Wir wollen vor allem jene Themen bearbeiten, die die Leute in ihrem Alltag und ihrer unmittelbaren Umgebung berühren. Da geht’s auch darum, dass Partnerschaften auf Gemeinde- und Vereinsebene gepflegt werden. Ich kann mir auch vieles im Bildungsbereich vorstellen. Laimburg und Rotholz etwa sind Einrichtungen, die von einem Austausch profitieren könnten. Das geht bis hin zu einer gemeinsamen Vermarktung. Außerdem wollen wir die Bereiche Forschung und Wissenschaft forcieren.

Kompatscher: Die Bürgerinnen und Bürger sollen im täglichen Leben spüren, dass sich etwas verändert hat. Und da sind es eben die kleinen Dinge wie das einheitliche Ticket für den öffentlichen Verkehr oder Vereinfachungen am Arbeitsmarkt, die konkret etwas bewirken. Wir wollen auch kleine Schritte setzen, um diesen gemeinsamen Raum, in dem wir leben, spürbar zu machen.

Das Gespräch führten Alois Vahrner und Mario Zenhäusern


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