Zwei Dörfer fahren mit sich selbst

Der neue Rufbus in Wängle und Höfen ist im Dauereinsatz. Schon 400 ehrenamtliche Taxifahrer stehen auf Abruf bereit. 21 Ausfahrten pro Tag fallen bisher an. „Unser Bus“ bringt die Leute zusammen – und ans Ziel.

Von Helmut Mittermayr

Höfen, Wängle –Ab wann ist ein Sozialprojekt ein Erfolg? Die Antwort wird in Höfen und Wängle gegeben. Der neue Rufbus ist nicht nur ein Erfolg, er ist ein Riesenerfolg. Der so genannte Flexi Shutt­le, der von ehrenamtlichen Einheimischen gelenkt wird, steht im Dauereinsatz. Seit dem Start Anfang Jänner ist das Fahrzeug jeden Tag im Schnitt 21-mal im Reuttener Talkessel unterwegs. Bis Oktober haben sich schon 85 Prozent aller notwendigen Taxler und Taxlerinnen vorangemeldet.

Am Freitag hatte sich beim TT-Lokalaugenschein Horst Misslinger hinters Steuer gesetzt. Von sieben Uhr morgens bis Mittag hatte er schon sieben „Fuhren“. Am Nachmittag sollten es noch mehr werden, bis er das Auto an die Nachtschicht weitergibt. Misslinger: „Vormittagsziele waren das Krankenhaus, das Pflegeheim, Schüler waren zu holen, ein Arztbesuch fiel an.“ Der Höfener hatte nur 20 Minuten Luft, um Fragen zu beantworten. Um halb eins musste er schon wieder einen Fahrgast im Krankenhaus aufnehmen. Ob er selbst das Service schon genutzt hat? „Ja klar, einmal, zum Besuch eines Wirtshauses. Da brauchte ich mir keine Gedanken über das Heimfahren zu machen und konnte auch einen Wein genießen.“ Misslinger ließ sich hin- und zurückbringen. Er findet das Service toll, ist aber eben auch bereit, sich selbst ehrenamtlich ans Steuer zu setzen, wie inzwischen Hunderte andere auch.

Die junge Höfener Wirtin Birgit Soyer, die im Juni als Fahrerin an der Reihe ist, denkt ähnlich: „Ich wollte am Wochenende in Reutte ausgehen. Das Auto hab’ ich zu Hause stehen lassen. Ich wurde abgeholt und heimgebracht. Perfekt!“ Soyer ist es aber wichtig, dass das Shutt­le vor allem älteren Mitbürgern das Leben erleichtern kann. „Das ist der eigentliche Zweck, der hinter der Idee steht.“

Auch Christian Müller, Bürgermeister von Wängle, ist Fahrer und Kunde zugleich. Er kann Ähnliches berichten. „Wir sind einmal am Wochenende in Reutte länger ausgegangen. Es war unglaublich. Nach dem Anruf mussten wir keine fünf Minuten warten und das Taxi war schon da.“ Der Dorfchef ist von der Entwicklung des zweiörtlichen Flexi Shuttles rundum begeistert. „I hon a Riesen-Gaudi damit. Mir taugt’s voll, dass das so eingeschlagen hat.“

Nachbarbürgermeister Vinzenz Knapp aus Höfen ist ähnlich begeistert. „Nie hätten wir gerechnet, dass das so angenommen wird.“ Sein Ersteinsatz als Fahrer steht erst im Juli an. Fahrgast war er bereits. In Reutte hatte eine Diskothek wiedereröffnet. Was lag für ihn näher, als das Nachttaxi zu nutzen, um einmal in der neu eröffneten „Szene“ abzutauchen. „Die Rückfahrt war perfekt. Ein Anruf, fünf Minuten später sind wir schon zugestiegen“, schwärmt der Dorfchef.

Der Bus steht unter der Woche von 7 bis 19 Uhr zur Verfügung, Freitag und Samstag ist er 24 Stunden im Einsatz. Obwohl von Nachtschwärmern bis hin zu Skifahrern gerne angenommen, steht die soziale Komponente im Vordergrund. Ältere Mitbürger stellen das Gros der Nutzer. Die Einteilung der Fahrer wird von der Gemeinde Höfen vorgenommen. Auch die Ausweise an die inzwischen 600 Vereinsmitglieder, davon 400 Fahrer, wurden dort ausgegeben. Ein Mitglied hat das Recht, um 1,50 Euro eine Fahrt im Reuttener Talkessel in Anspruch zu nehmen. Wer sich als Fahrer in den Dienst der Sache stellt, wird sogar gratis mitgenommen. Wängle, Höfen, Lechaschau, Reutte, Breitenwang und Mühl werden angefahren. Ein Anruf unter der Handynummer 0 650/970 12 14 reicht aus.

Knapp wurde von den eigenen Bürgern überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass die Leute ihre Scheu überwinden.“ Der Zusammenhalt in beiden Orten werde dadurch stärker. Eine Art neuer Patriotismus sei entstanden. Die Leute würden nicht vom Gemeindebus oder Ähnlichem reden. Sie würden nur von „unserem Bus“ sprechen.

Höfen wie Wängle finanzieren aber auch die öffentlichen Busse des VVT weiter mit, auch wenn diese oftmals leer unterwegs sind. „Ein Ausstieg beim VVT steht derzeit nicht zur Diskussion. Unser Flexi Shuttle ist ein Pilotprojekt. Das müssen wir länger testen“, sagt Knapp. Und äußert sich damit deckungsgleich mit Kollege Müller. Wängle will am VVT ebenfalls nicht rütteln, werden damit doch etwa auch die Schülerfahrten abgewickelt. Müller: „Flexi Shuttle ist inzwischen so erfolgreich, dass Wängle wie Höfen neben der Übernahme der Leasingraten noch einmal nachlegen werden müssen. Bei uns ist das keine Frage, der Gemeinderat hat das abgesegnet.“ Denn die Fahrgeldeinnahmen reichen für das Benzin längst nicht mehr aus. An einem Tag wurden schon bis zu 240 Kilometer abgespult. Rund 6000 Euro werden beide Gemeinden zusätzlich zuschießen müssen. Sie tun es gerne, erklären beide Bürgermeister unisono.


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