Supermacht auf radikaler Schrumpfkur

Die Truppenstärke bei der US-Army soll nach neuerlichen Einsparungen auf den tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg fallen. Mit der Verschlankung geht auch ein Streben nach noch größerer Effizienz einher: Diese soll vor allem durch Drohnen und Spezialkommandos erreicht werden.

US-Soldaten vor einem Kampfjet. (Archivbild)
© epa

Washington - Hohe Schulden und Präsident Obamas defensivere Militärstrategie führen zu massiven Einschnitten im US-Heer. Die Truppenstärke bei der Army soll auf den tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg fallen. Kritiker warnen vor dem Risiko eines Machtverlustes.

Das Pentagon, Machtzentrale der US-Streitkräfte, glänzt am Montag unter hellblauem Himmel in der strahlenden Sonne. Doch innerhalb des gewaltigen Bürobaus vor den Toren der Hauptstadt Washington ist die Stimmung düster und trübe. Verteidigungsminister Chuck Hagel muss eine neue Runde harter Einsparungen verkünden. Es trifft vor allem die Army.

Wir kommen in ein Zeitalter, in dem wir die amerikanische Dominanz zur See, im Himmel und im All nicht mehr als gegeben annehmen können.
US-Verteidigungsminister Chuck Hagel

Seit Jahren schon regiert hier im weltberühmten Fünfeck der Rotstift. Die verschuldete Supermacht kann sich eine Armee, wie sie sie einmal hatte, nicht mehr leisten. Doch die neuesten Zahlen, die Hagel nun verkünden musste, sind ein neuer Meilenstein. Das Heer soll jetzt so klein werden wie zuletzt vor dem Zweiten Weltkrieg.

Nur noch zwischen 440.000 und 450.000 Soldaten sollen nach weiteren Einsparungen bei den Landstreitkräften dienen, heißt es in seinem Budgetentwurf. Das sind rund 130.000 weniger als in den Jahren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als die Amerikaner im Irak und in Afghanistan zwei Bodenkriege gleichzeitig führten.

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Derzeit zählt die Army noch mehr als 522.000 Soldaten. Hinzu kommen insgesamt 560.000 Reservisten - doch auch diese Zahl ist nicht in Stein gemeißelt. 30.000 weniger sollen es künftig sein. Insgesamt dürfte die Zahl aktiver Soldaten bei Armee, Marine, Luftwaffe und Marineinfanterie aber bei deutlich mehr als 1,3 Millionen bleiben - gut halb so viel wie die der Chinesen und deutlich mehr als alle anderen Länder.

So sehr sich Hagel auch bemüht, die Einsparungen als Chance für mehr Effizienz zu verkaufen, seinen Pessimismus vermag er kaum zu verbergen. „Wir kommen in ein Zeitalter, in dem wir die amerikanische Dominanz zur See, im Himmel und im All nicht mehr als gegeben annehmen können“, sagt er. Immer wieder spricht er von „harten Entscheidungen“.

Er rechne mit Widerspruch und Kontroversen, gibt er zu, aber man müsse realistisch bleiben. Er spielt damit vor allem auf die rigorose Sparpolitik in Washington an. Aber auch auf Amerikas neue Rolle in der Welt.

Noch immer die höchsten Ausgaben weltweit

Der Kongress hat das Budget des Militärs in diesem und nächstem Haushaltsjahr auf jeweils knapp unter 500 Milliarden Dollar (361 Milliarden Euro) gedrückt. Zum Vergleich: Vor wenigen Jahren noch lag das Jahresbudget bei über 700 Milliarden Dollar - allerdings inklusive der Kosten für Einsätze im Irak und in Afghanistan. Die US-Ausgaben sind aber immer noch um ein Vielfaches höher als die aller anderen Länder. Auch die Chinesen kommen nicht annähernd heran.

Es ist nicht nur Geldmangel, der Hagel zu seinen Entscheidungen bewegt. Er folgt auch den politischen Anweisungen seines Chefs. US-Präsident Barack Obama will nach 13 Jahren Krieg einen Schlussstrich unter langwierige Bodeneinsätze und Besatzungen ziehen. Kleiner und schlanker sollen die Streitkräfte nach seinen Worten werden, aber auch beweglicher und schneller einsatzbereit.

Kampfjets werden ausgemustert

Seine Maßgabe: Das US-Militär muss weiterhin jeden Gegner besiegen können - aber mit deutlich weniger Aufwand. Kaum verwunderlich, dass erfolgreiche Spezialeinsatzkommandos nicht den Kürzungen unterliegen, sondern stattdessen mehr Personal bekommen sollen.

Nicht nur beim Heer, auch bei den anderen Streitkräfteteilen will Hagel sparen, allerdings nicht so eklatant. Die Marineinfanterie soll um 8000 auf 182.000 Mitglieder schrumpfen“. Bei der Luftwaffe soll die gesamte Flotte der A-10-Kampfjets und U-2-Spionageflugzeuge ausgemustert werden. Letztere sollen durch unbemannte Drohnen ersetzt werden.

Die Marine will zudem jeden zweiten Kreuzer aus dem Verkehr ziehen, bis das Geld zur Modernisierung da sei. Und an den Plänen, Militäreinrichtungen in Europa abzubauen, wird nicht gerüttelt. Unangetastet bleiben hingegen die Flugzeugträger.

Widerstand bei Veteranen und Waffenlobby

Gegen all die Sparbemühungen regt sich immenser Widerstand bei Politikern, Veteranen und Waffenlobby. Auch ranghohe Militärs warnen hinter vorgehaltener Hand, dass die Einsatzbereitschaft der US-Truppen massiv leiden könne.

Mit den neuesten Ankündigungen wird der Sparkurs bei der Armee der letzten verbliebenen Supermacht wahrscheinlich nicht beendet sein. Für die Jahre nach 2015 will Hagel das Budget zwar wieder deutlich über die 500-Milliarden-Dollar-Marke anheben. Doch ob er damit durchkommt, ist mehr als fraglich, denn eigentlich treten nach dem derzeit geltenden Gesetz ab 2016 automatisch weitere starke Haushaltskürzungen in Kraft. Das Pentagon dürfte davon kaum verschont bleiben. (dpa)


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