Peking atmet auf: Wind und Regen wehen Smog weg

Der Smog lichtet sich in China allmählich. Die alarmierenden Werte gingen durch einen Wetterumschwung deutlich zurück.

Peking - Nach einer Woche schlimmen Smogs konnten die Pekinger am Mittwoch erstmals wieder aufatmen. Eine Kaltfront brachte am Abend (Ortszeit) Wind und leichten Regen, so dass die hohen Schadstoffkonzentrationen in der Luft zurückgingen. Der Index fiel von „gefährlichen“ 400 bis 500 auf nur noch „ungesunde“ 160 - das entspricht dem Sechsfachen des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Grenzwerts. Der Smogalarm der zweithöchsten Stufe „Orange“, der erstmals in der Hauptstadt gegolten hatte, wurde wieder aufgehoben. Allerdings wurden an anderen Orten im Norden und Osten des Landes immer noch hohe Luftverschmutzungen gemessen.

In Peking galt seit sechs Tagen die Alarmstufe „Orange“, die zweithöchste Stufe auf der Skala. In der chinesischen Hauptstadt waren die Krankenhäuser mit Patienten überfüllt, die unter Atemwegs- oder Herz- und Kreislaufproblemen litten. „Wir haben viele Kinder mit Atemwegsleiden“, sagte die Ärztin einer internationalen Klinik der Nachrichtenagentur dpa. „Aber wenn der Smog so lange anhält, fühlt jeder die Auswirkungen - sei es durch Kratzen im Hals, Husten oder andere gesundheitliche Probleme.“ Die Gesundheitsbehörden riefen ältere Menschen und Kinder auf, nicht vor die Tür zu gehen. Wegen des Smogs wurde der Sportunterricht im Freien abgesagt, zudem stieg die Nachfrage nach Atemmasken und Luftreinigern sprunghaft an.

Die Sicht in der chinesischen Hauptstadt war stark eingeschränkt. Die Luft hatte einen sandigen Geschmack und roch verraucht. Das Meteorologische Zentrum verhängte Smogalarm auch für die Metropole Tianjin sowie die sechs Provinzen Hebei, Shanxi, Shandong, Henan, Shaanxi und Liaoning. Die Schadstoffe wurden von China sogar bis in die südkoreanische Hauptstadt Seoul herübergeweht.

Peking und andere Städte im Norden Chinas kämpfen seit Jahren mit steigendem Smog. Grund sind neben dem zunehmenden Verkehr vor allem die Kohlekraftwerke und Fabriken rund um die Stadt. Im Winter verschärft sich die Luftverschmutzung wegen der dann herrschenden Wetterlage noch. Hinzu kommen immer wieder Sand- und Staubstürme aus den Wüsten im Nordwesten Pekings.

Wie „im nuklearen Winter“

Die Auswirkungen des anhaltenden Smogs, der die Sonne nicht durchkommen lässt, vergleichen chinesische Wissenschaftler mit einem „nuklearen Winter“. Sie warnen eindringlich vor Ernteausfällen. Wie bei der Verdunkelung und Abkühlung der Erdatmosphäre durch Staub und Rauch nach einem Atomschlag bekämen Pflanzen auch durch Smog weniger Sonnenlicht, wodurch die Ernte „auf jeden Fall“ beeinträchtigt werde, sagte He Dongxian, Dozentin von Chinas Landwirtschaftsuniversität, der Nachrichtenagentur dpa in Peking.

„Bei einem Smogtag wird die Sichtweite reduziert - das heißt, die Lichtstärke für Pflanzen wird verringert“, schilderte die Forscherin. „Die Photosynthese wird geschwächt, was großen Einfluss auf das Wachstum nicht nur der Blätter, sondern auch der Samen und der Früchte hat.“ Dadurch verschlechtere sich nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der Ernte.

„Besonders im Winter und Anfang des Frühjahrs nimmt der Smog zu, was vor allem die landwirtschaftliche Produktion in Glashäusern stark beeinträchtigt.“ Mit anderen Wissenschaftlern unternimmt He Dongxian entsprechende Experimente mit Saatgut: „Da wir so viele Smogtage hatten, hat die Saat, die wir im Januar gepflanzt haben, noch nicht gekeimt, obwohl sie normalerweise schon sprießen müsste.“

Ärzte warnten vor den gesundheitlichen Folgen des Smogs. Hohe Schadstoffbelastungen schwächten das Immunsystem und könnten den Ausbruch von Atemwegsproblemen oder Herz- und Kreislauferkrankungen erleichtern. Besonders vom Smog betroffen waren Patienten mit Asthma, Herzkrankheiten oder Bronchialleiden. Die Luftverschmutzung führt seit Jahren zu einem Anstieg der Atemwegserkrankungen. Nach Schätzungen renommierter chinesischer Wissenschaftler sterben jährlich 350.000 bis 500.000 Chinesen vorzeitig an den Folgen der hohen Luftverschmutzung. (APA/dpa)


Kommentieren


Schlagworte