Gefährliche Propaganda und flexibler Filz

Die österreichische Autorin Cordula Simon lebt seit 2011 in Odessa. Die TT hat mit ihr über die aktuelle Situation in der Ukraine gesprochen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –„Diese Art von Provokation gibt es alle zehn Jahre“, weiß Lewadski. Lewadski, der Protagonist in Marjana Gaponenkos grandiosem Roman „Wer ist Martha“, spricht von moderner Kunst. Genauer gesagt, er spricht von einem „unsichtbaren Denkmal“, das im ukrainischen Lemberg an die Orange Revolution von 2004 erinnert. Dass eben kein hoffnungsspendendes Bäumchen auf das Podest gepflanzt wurde, liest sich angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine beinahe prophetisch. Die Erinnerungen an den unblutigen Umbruch von vor zehn Jahren sind verblasst, „kalter Kaffee wie alles in der Welt“ – um es mit Lewadski zu sagen. Im Moment wird die Ukraine von Ernüchterung und Unsicherheit beherrscht. Prognosen darüber, welchen Weg die ehemalige Sowjetrepublik nehmen wird, lassen sich kaum anstellen. „Fakt ist nur, dass die schrecklichen Ereignisse der letzten Wochen Spuren hinterlassen werden“, sagt Cordula Simon.

Die 1986 in Graz geborene Autorin las am Dienstagabend gemeinsam mit Marjana Gaponeko im Innsbrucker Literaturhaus am Inn. Simon lebt seit 2011 in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, in ihrem aktuellen Roman „Ostrov Moglia“ (Picus Verlag, 240 Seiten, 21.90 Euro) nimmt von dort nicht weniger als der Weltuntergang seinen Ausgang. Irgendwie jedenfalls.

Auch von Odessa aus blickte man in den vergangenen Monaten auf den Maidan-Platz nach Kiew. Allerdings unter erschwerten Bedingungen. „Nur ein TV-Kanal berichtete regelmäßig von den Protesten. Als die Situation eskalierte, wurde er abgedreht. Für Menschen, die sich nicht im Internet bewegen, gab es kaum Möglichkeiten, sich wirklich über die Vorgänge zu informieren: Staatliche Sender spielten die Ereignisse herunter und russische Medien schürten die Angst, vor einer anti-russischsprachigen Zukunft, was die größtenteils russischsprachigen Odessiten hellhörig machte“, sagt Simon.

Nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch gingen in den vergangenen Tagen auch in Odessa erstmals Menschen auf die Straße. Es sei die Angst vor neuem ukrai­nischem Nationalismus, der nun in Kiew an die Macht gekommen sei und die Bewohner Kiews verunsichere. Direkter Auslöser für die Proteste, die in westlichen Medien freilich wenig Beachtung finden, war die im Grunde harmlose Wortmeldung eines Politikers gewesen, der eine Neuregelung der Rechte sprachlicher Minderheiten andachte. „Daraus wurde in russischen Medien die Ankündigung, dass die neuen Machthaber in Kiew das Russische verbieten wollen. Das ist natürlich gefährliche Propaganda. Aber auch die Rolle der westlichen Medien, die konsequent verschweigen, dass der rechtsradikale Rand des Maidan zusehends an Einfluss gewinnt, erscheint mir fragwürdig“, erklärt Simon.

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Dabei sei man auch im Süden und Osten der Ukraine, die gemeinhin als Janukowitschs Stammgebiet gelten, mit der Politik des mittlerweile flüchtigen Ex-Präsidenten unzufrieden gewesen. „Die Menschen dort sind ja keine weltfremden Idioten: Es stimmt, dass hier viele Janukowitsch gewählt haben, weil er Ordnung und Sicherheit versprach“, so Simon, „aber niemand hat Kiewer Zentralismus gewählt, niemand Gesetze, die Regierungskritikern mit mehrjährigen Haftstrafen drohen, niemand ein durch und durch korruptes System.“ Ob sich an diesem System mit neuen Machthabern etwas ändern kann? Cordula Simon hüllt sich in Schweigen. Nach einer kurzen Pause antwortet die Wahlukrainerin doch: „Dafür muss man sich nur in Österreich unschauen: Der Filz ist flexibel.“


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