Duftmischungen aus Queens mit Totenklagen

In seinem Roman „Der Garten der Dissidenten“ erzählt Jonathan Lethem die tragische Geschichte einer jüdischen Familie über drei Generationen.

© APA/HELMUT FOHRINGER

Von Peter Angerer

Innsbruck –Wenn der erste Satz über den Sog entscheidet, der Leser und Leserin in einen Text hineinzieht, dann hat Jonathan Lethem für seinen neuen Roman „Der Garten der Dissidenten“ wie ein Schachspieler eine drastische Eröffnung gewählt. „Fick keine schwarzen Cops mehr oder du fliegst aus der Kommunistischen Partei.“ Jemand musste die Jüdin Rose Zimmer in der sozialistischen Mustersiedlung Sunnyside Gardens verraten haben. Das war im November 1955. Acht Jahre zuvor war ihr Ehemann Albert, als Sohn eines Lübecker Bankiers neben dem Buddenbrooks-Haus aufgewachsen, im Auftrag der Partei aus Amerika geflohen, um sich in Ostdeutschland nützlich zu machen. Sein Lebenswerk widmet er im Werkhofinstitut in Dresden, im „Garten der Dissidenten“, der revisionistischen Umdeutung deutscher Geschichte und Verbrechen. Seit damals lebte Rose mit ihrer genialischen Tochter Miriam, die, wie ein Läufer die Hürden, die Klassen in der Schule übersprang, im New Yorker Stadtteil Queens, in dem der reaktionäre Polizist und Eisenhower-Verehrer Douglas Lookins seinen Dienst versah. Nach dem Abflauen der Leidenschaft stellte der Polizist seinen Sohn Cicero bei Rose ab, um dem Buben den Zugang in die Welt des Wissens und der Bücher zu ermöglichen. Vierzig Jahre später lehrt Cicero Literatur an einem College in Maine, wo „die schwule schwarze Schwabbelwampe“ (mit dieser Alliteration schießt Ulrich Blumenbach, der mit der Übertragung von David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“ berühmt wurde, über das Übersetzerziel, denn im Original heißt es nur: „gay, black, and overweight“) von Miriams Sohn Sergius nach der verlorenen Zeit befragt wird.

Sergius weiß nichts von seinen Eltern, die als Pazifisten Ende der 70er Jahre möglicherweise von US-Söldnern in Nicaragua getötet worden waren. Als Kind hat er die Aufnahme in das Internat einer Quäker-Schule in Pennsylvania dem Verbleib bei seiner ihm fremden Großmutter vorgezogen. Mit Sicherheit kann er über sich nur sagen, dass die Wahl seines Vornamens als Hommage an den Helden eines Romans von Norman Mailer gedacht war. Daneben gibt es noch Duftmischungen („Miso-Paste, Pot und Patschuli“), die ein Gefühl von Erinnerung an die Kindheit liefern. Der einzige Gegenstand, der sich von seinem Vater, dem irischen Folksänger Tommy Gogan, erhalten hat, ist eine Langspielplatte. „Bowery of the Forgotten“ war 1964 erschienen und von der Kritik („ein ekelhaftes Amalgam aus Totenklagen und pseudoverschmitzter Lyrik, gespickt mit Binsenweisheiten des Mitleids“) sofort vernichtet worden, weshalb sich der Sänger nur noch zu Auftritten bei Bürgerrechtsversammlungen überreden ließ. Erstaunlicherweise hört Sergius das eine oder andere Lied seines Vaters vor den Zelten der Occupy-Bewegung. Nur über seine Herkunft erfährt Sergius, „eine traurige Waise Anfang Vierzig“, die als Musiklehrer noch immer bei den Quäkern lebt, nichts.

Wie schon in seinem Meisterwerk „Die Festung der Einsamkeit“ (2003) gibt Jonathan Lethem auch in „Der Garten der Dissidenten“ viel von seiner Biografie preis, ohne über sich zu schreiben. Der 1964 in New York geborene, in Kansas City und später in Brooklyn aufgewachsene Autor wirft seine Figuren gern in beinahe dokumentarische Zeitkapseln, um sie besonderen Bewährungsproben auszusetzen, die notwendig sind, um sich in der Welt unter Menschen bewegen zu können. Nur scheitern sie an ihrer Unfähigkeit, sich mitzuteilen.

Jonathan Lethem. Der Garten der Dissidenten. Übersetzt von Ulrich Blumenbach, Tropen-Verlag, 480 Seiten; 25,70 Euro.

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