„Ein totes Kleinkind schüttelt die Gesellschaft durch“

Seit zehn Jahren besteht die Ambulante Familienarbeit Tirol. Das SOS-Kinderdorf lud zur Tagung: Pädagoge Klaus Wolf über die Chancen von Kindern in Extremsituationen.

I n unserer Gesellschaft klingt ambulante Hilfe besser als Fremdbetreuung. Wie wägen Sie ab?

Klaus Wolf: Man darf ambulante Hilfe und Fremdbetreuung nicht gegeneinander ausspielen. Im Einzelfall muss man überlegen, ob ein Kind in der Familie bleiben kann. In den meisten Fällen spricht vieles dafür. Doch es gibt extreme Situationen. Wenn man die Befürchtung hat, das Kind könnte gravierende Schäden davontragen oder gar ums Leben kommen, muss man es sofort mitnehmen. Die Risikoeinschätzung ist eine anspruchsvolle Aufgabe der Jugendwohlfahrt.

Welche Mittel müssen bereitstehen?

Wolf: Es ist völlig unstrittig, dass man gut ausgestattete soziale Dienste mit qualifizierten Mitarbeiterinnen braucht. Wenn man hier faule Kompromisse macht – etwa nicht hinreichend qualifizierte Fachkräfte einsetzt oder ihnen nicht die notwendige Zeit gibt –, erhöhen sich Risiken.

Betreuen zu wenig Fachkräfte zu viele Familien?

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Wolf: Wenn ich höre, dass vor zehn Jahren eine Fachkraft vier, fünf Familien betreut hat und heute zwölf und mehr Familien begleitet, dann werde ich misstrauisch. Kann man da dicht genug am Ball bleiben? Auf der anderen Seite ist die Zahl der Familien, die entlang von kritischen Situationen schlittern, hoch. Ein totes Kleinkind schüttelt die Gesellschaft durch. Ich kenne leider Fälle, in denen die Ausstattung der sozialen Dienste eine Rolle gespielt hat, dass es zum Tod eines Kindes gekommen ist.

Wird auf Jugendliche vergessen?

Wolf: Gegenüber gefährdeten Kleinkindern ist das Bewusstsein in der Gesellschaft gestiegen. Bei einem Jugendlichen, der sich herumtreibt und nicht in die Schule geht, fragt die Gesellschaft: Rentiert es sich, ihm noch zu helfen? Ich warne davor, eine ganze Gruppe von Jugendlichen abzuschreiben. Das ist für den gesellschaftlichen Frieden bis hin zu den Kosten nicht vernünftig. Ein Problem ist ferner, dass eine erfolgreiche Betreuung zu früh abgebrochen wird.

Bewähren sich hier Wohngemeinschaften?

Wolf: Ja. Vor allem Wohngemeinschaften, in denen ältere Jugendliche auch betreuungsfreie Zeiten haben. So gestaltet sich der Übergang in die „freie Wildbahn“ leichter. Jugendliche können in der Betreuung riskante Situationen ausprobieren, denen sie sich dann ohnehin stellen müssen. Es spricht einiges dafür, Jugendliche nicht bis zum 18. Lebensjahr „durchzukontrollieren“.

Was bringt in der ambulanten Betreuung die Erweiterung des Familienbegriffs?

Wolf: Viel. Verwandtschaftsnetzwerke sind Ressourcen für Kinder. Wenn ein Kind psychisch angeschlagene oder alkoholkranke Eltern hat, kann kurzfristig oft nichts geändert werden. Man fragt sich nicht, wie kann man die Eltern verbessern, sondern hat das Kind Zugang zu stabilen Personen. Wenn etwa jemand eine Vertrauensbeziehung zum Kind hat und regelmäßig die Hausübungen kontrolliert, dann kann er wichtige Teile, die in der Familie fehlen, ersetzen. Das Kind braucht aber jemanden, der wirklich Verantwortung übernimmt und längere Zeit am Ball bleibt.

Wie hoch ist die Zahl der belasteten Familien?

Wolf: Erziehungsprobleme sind normal. Doch es gibt Belastungssituationen und Risiken, wo man genauer hinsehen muss. Das sind zehn Prozent der Familien mit höheren Risiken.

Wir sprechen jetzt von Gewalt.

Wolf: Ja, Gewalt, harte Vernachlässigung, aber auch von Situationen, wo die Generationenbeziehung nicht stimmt – wo sich Kinder um die Eltern kümmern. Die Zahl schwankt. Aber je mehr sich Armuts­probleme in einer Gesellschaft zuspitzen, desto größer werden die Probleme im familiären Bereich.

Das Gespräch führte Sabine Strobl


Kommentieren


Schlagworte