„Fischer hatten Leichen in den Netzen“

Elias Bierdel rettete 37 Flüchtlinge vor dem Ertrinken. Dafür bekam er kein Lob, sondern wurde wegen Schlepperei angeklagt. Heute ist er als Migrationsexperte aktiv und bezeichnet so manches Gesetz als „gemein und zynisch“.

(Symbolfoto)
© EPA

Herr Bierdel, 2004 retteten Sie 37 ertrinkende Flüchtlinge, indem Sie sie an Bord eines humanitären Rettungsschiffs holten. Da dieses Verhalten vom italienischen Gesetz geahndet wird, wurden Sie wegen Schlepperei angeklagt. Ist diese Erfahrung der Grund für Ihr heutiges Engagement als Flüchtlingshelfer?

Elias Bierdel: Im Grunde ja. Obwohl ich schon zuvor als ARD-Korrespondent über den Kosovo-Krieg berichtet und gesehen habe, was es bedeutet, wenn man in seiner Heimat nicht mehr leben kann.

Heute verrichten Sie einen Teil Ihrer Öffentlichkeitsarbeit für die Wahrung der Menschenrechte an Italiens Grenzen. Wieso wird das Mittelmeer als „tödlichstes Meer der Welt“ bezeichnet?

Bierdel: Es gibt dort Passagen, in denen man nicht mehr fischen kann, weil sich die Leichen ertrunkener Flüchtlinge in den Netzen verheddern. Oder die Netze werden an den unzähligen gesunkenen Schiffen zerschnitten. Ich habe nur im letzten Jahr mit vier Fischern gesprochen, die Leichen „gefischt“ haben.

TT-ePaper gratis testen und 2 VIP-Tickets für das Electric Love Festival gewinnen

Electric Love Festival

Wie viele Flüchtlinge ertrinken vor Europas Küsten?

Bierdel: Die offizielle Zahl zweier NGOs lautet, dass seit 1990 25.000 Menschen ertrunken sind. Die Regierung der Kanaren hingegen sagt, dass alleine 2006 nur an den Grenzen der Kanarischen Inseln 6000 Flüchtende ertrunken sind. Das spanische Rote Kreuz geht sogar von 1000 mehr aus. Rechnen Sie das mal hoch ...

Befassen sich folglich keine Beamten in der EU damit, die Opferzahl zu erheben?

Bierdel: Kein einziger.

Zeitgleich arbeiten Tausende Beamte für die Grenzschutz­agentur Frontex. Könnte diese Organisation nicht die Opferzahl verringern?

Bierdel: Die Unterstützung von Hilfsbedürftigen in die Hand des Militärs zu legen, ist für mich sehr fragwürdig. Denn bis 2010 kam bei Frontex das Wort „Menschenrecht“ gar nicht vor. Damals war die Rede von unzähligen Flüchtlingsbooten, die erfolgreich zum Umdrehen motiviert wurden. Heute werden diese Manöver als Rettungsaktionen deklariert. Aber achten Sie, wenn ein Bericht zum Thema im Fernsehen läuft, auf die Grundausstattung zur Rettung von Menschenleben auf den Frontex-Booten. Es gibt schlichtweg keine.

Wäre es organisatorisch und technisch möglich, den Großteil der in Seenot geratenen Flüchtlinge zu retten?

Bierdel: Auf jeden Fall. Außerdem gehen wir davon aus, dass jedes Flüchtlingsboot vom so genannten Navteq-System und der Küstenwache geortet wird. Doch es gab erst unlängst Fälle, in denen man erst Stunden nach dem Kentern Rettungskräfte lossandte.

Das Vorgehen von Militär und Polizei wurde ebenfalls kritisch betrachtet, als vor wenigen Tagen 200 Afrikaner versuchten, den Grenzzaun in der spanischen Exklave Melilla zu überwinden, um die spanische Grenze zu erreichen.

Bierdel: Ein wunderbares Beispiel, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Die Grenzzäune umgeben diese spanische Stadt auf afrikanischem Boden und laufen im Meer aus. Die Flüchtlinge wollten den Zaun umschwimmen und wurden im Zuge dessen von Polizisten erschossen. Anfangs hieß es, man seie nicht gegen sie vorgegangen. Dann lautete die offizielle Aussage, man habe mit Platzpatronen, dann doch mit Gummigeschossen auf sie geschossen. Und zuletzt kam heraus, dass es scharfe Munition war. Das Argument für das Vorgehen lautete, dass die Schwimmer besonders aggressiv vorgegangen seien. Lächerlich.

Trotz dieser Gefahren versuchen Unzählige, ihre Heimat zu verlassen. Welche Vorstellung haben Flüchtende vom Leben in Europa?

Bierdel: Haben sie wenig Bildungszugang, motivieren sie Fernsehbilder und Mythen von Einzelnen, die auszogen und ein Jahr später mit einem Mercedes zurückkamen. Das erinnert mich an meine Kindheit, in der wir von Bildern reicher Amerikaner mit Villen und Pools begeistert waren. Die besser Gebildeten halten Europa für das Land der Menschenrechte, als das wir uns gerne inszenieren.

Finden Sie es angemessen, dass in Österreich 500 Syrer aufgenommen werden?

Bierdel: Da kann man jetzt sagen, „Gott sei Dank, es wurde anerkannt, dass man etwas tun muss“. Andererseits bot das verhältnismäßig schlecht ausgestattete Land Zypern sofort an, 200.000 Leute aufzunehmen.

Diese große Zahl an Flüchtenden kam dort bis heute nicht an. Scheitert es an der Politik oder an der Einstellung der Gesellschaft?

Bierdel: An beidem. Wir wählen Politiker, die teils „engstirnige“ Gesetze machen. Ein Beispiel: Ich traf kürzlich einen syrischen Flüchtling, der in Italien festsitzt, weil das Gesetz besagt, dass man nur in dem EU-Land um Asyl ansuchen darf, das man als Erstes betreten hat – das ist gemein und zynisch. Dabei ist sein Bruder Besitzer eines Autohauses in Schweden und hätte liebend gerne, dass sein heimatloser Bruder bei ihm wohnt und arbeitet. Das würde kein Land einen Cent kosten.

Wie erklären Sie sich, dass die Zahl der abgelehnten Asylanträge so hoch ist?

Bierdel: Albert Schweitzer traf den Zeitgeist gut, indem er von der „Schlafkrankheit der Seele“ sprach. Aus Angst klammern wir uns an das Gewohnte. Man urlaubt gerne in der Fremde, bekommt aber eine Krise, wenn sich „einer von denen“ hier blicken lässt. Wir befinden uns in einer Übergangsphase und verteidigen einen Lebensstil, an den wir nicht mehr glauben. Denn befriedigt uns ein größerer Flatscreen wirklich und nehmen wir Tonnen von Psychopharmaka grundlos? Ich sage, dass diese Epoche in sieben, acht Jahren endet und wir dann nicht Flüchtlinge, sondern Menschen auf dem Weg sehen und ihnen offen begegnen.

Was entgegnen Sie Leuten, die Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen?

Bierdel: In der Steinzeit mag die Angst vor Fremden berechtigt gewesen sein, die in die Höhle eindrangen. Denn sie bedrohten die knappen Ressourcen. Heute sollten wir diesen Reflex nicht ausleben, sondern uns ihm stellen.

Das Gespräch führte Judith Sam


Kommentieren


Schlagworte