Hannes Arch im Interview: „Ich bin kein einfacher Mensch“

Warum es für manchen hilfreich ist, Extremsportler, Kunst- und Rennpiloten Hannes Arch vor den Kopf zu stoßen, und warum der 46-Jährige davon ausgeht, beim Red Bull Air Race wieder um den Titel mitzufliegen.

Wann geht Hannes Arch in die Luft?

Hannes Arch: Entweder, wenn ich vom Job her muss, oder wenn es mir Spaß macht. Spaß habe ich vor allem mit dem Helikopter oder wenn ich mit dem Flieger neue Sachen ausprobieren kann. Der Spaß wird aber immer weniger, weil der Job zeitweise überhandnimmt.

Warum nimmt der Job überhand?

Arch: Ich muss in meinem Sport und Beruf die Gelegenheiten wahrnehmen, weil ich Sponsoren, Partner und Aufträge habe. Denn es ist etwas ganz Rares, ein Privileg, zu fliegen. Aber es ist nicht zu tragisch.

Ist es ein Privileg, das süchtig macht?

Arch: Ich glaube, ich könnte auch ohne Fliegen zufrieden sein. Das Fliegen ist für mich eine Sucht, die nicht unbedingt etwas mit Adrenalin zu tun hat. Ich suche eher das Risiko, die Auseinandersetzung damit – aber ich bin nicht risikofreudig. In dem Moment, wo das Risiko da ist, bin ich auf dem richtigen Weg. Wenn ich das nicht mehr fühle, spüre und sehe, begebe ich mich in eine falsche Richtung. Dann schwimme ich mit dem Strom, der nur dahinvegetiert. Du wirst dann von einem System gesteuert, von einer Anschauung, von einer Angst, die generell im Leben vorherrscht. Wenn ich ausbrechen kann, dann fühle ich mich zuhause. Das eine oder andere Mal hat es etwas mit Adrenalin zu tun, weil dein Leben in Gefahr ist. Aber das ist auch nichts Schlechtes. Und ja, es ist eine Sucht. Denn alles, was einen im Leben bestätigt, sucht man immer wieder.

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Was suchen Sie genau?

Arch: Es geht darum, sich einmal frei bewegen zu können. Ich versuche immer wieder, Grenzen zu verschieben, weiter zu gehen, den Horizont zu erweitern. Dieses Urgefühl steckt in mir. Früher bin ich dafür auf den Berg geklettert, jetzt fliege ich eben. Weiter sehen weckt Sehnsucht, das motiviert. Ebenso wie aus der Enge des Lebens auszubrechen. Dieses Gefühl suche ich sowohl im Job als auch in der Freizeit. Das macht mich glücklich. Ich rede nicht vom Glücklichsein – das ist das Ergebnis. Durch die Abenteuerlust fühle und erkenne ich mich und habe als Mensch eine Daseinsberechtigung, einen Wert. Das Interessante ist, sich damit auseinanderzusetzen. Mit dem Körper, mit dem Geist, mit dem Unvermögen, mit der Gefahr, das Spiel des Lebens zu spielen.

Um nicht dahinzuvegetieren, wie Sie es bezeichneten.

Arch: Ich will nicht gegen den Strom schwimmen, ich schwimme nur meinen eigenen Weg. Wenn der zufällig parallel dazu geht, schön. Ich will nicht kämpfen. Mich interessiert es nicht, andere zu bekehren. Ich finde es sogar überheblich, wenn man das Gefühl hat, man muss gegen die Masse kämpfen. Den einzigen Anspruch, den ich erhebe, ist, dass man mich mein Leben leben lässt, solange ich nicht jemandem in den Weg pfusche.

Ihr eigener Weg ist unter anderem das Red Bull Air Race. Was ist das Besondere daran?

Arch (überlegt): Es ist ein Lebensinhalt. Nicht der einzige, aber einer. So ein Rennpilot zu sein, das kannst du nicht nur jobmäßig machen, damit gehst du auch schlafen, weil so viel Passion dahintersteckt und es einer besonderen Einstellung bedarf. Man muss versuchen, den ganzen Kopf und Geist in die richtige Richtung zu trimmen, sonst kann man nicht mitfliegen.

Was hat sich in der Rennpause verändert?

Arch: Sicherheitstechnisch und bei den Regeln hat es Änderungen gegeben. Das Rennformat bleibt dasselbe. Es ist ein Flugzeugrennen, etwas Extremes. Ich war jetzt drei Jahre lang Showpilot, habe die Menschen unterhalten, musste nichts riskieren. Beim Rennen ist es etwas anders. Der Sinn ist, Erster zu werden. Das Ganze findet relativ nahe am Boden statt, mit sehr hohen Belastungen. Dementsprechend musst du dich trimmen, was den Kopf betrifft. Ich kann nicht einfach ins Büro gehen und sagen: „Morgen ist Air Race.“ Ich arbeite seit Monaten an meiner Konzentrationsfähigkeit, der körperlichen Fitness und der Aufstellung des Teams.

Wie viel müssen Sie körperlich trainieren?

Arch: Viel, aber ich bin immer relativ fit durch meine Bergtouren. Allgemeine Fitness ist wichtig für die Gesamtbelastung, die spezielle Fitness hole ich mir beim Fliegen.

Sind Sie fit genug, um Ihren Titel von 2008 zu wiederholen?

Arch: Ja! Der Titel ist für mich aber nicht mehr so wichtig. Ich hab’ keinen Druck mehr. Ich war Weltmeister, Vizeweltmeister und 2010, in dem letzten Jahr vor der Pause, habe ich fast alle Rennen gewonnen. Nur weil ich im ersten Rennen disqualifiziert wurde, bin ich nicht erneut Weltmeister geworden. Ich weiß, was ich kann. Aber in Abu Dhabi muss ich mich erst einmal orientieren, wo wir alle stehen. Die Karten sind neu gemischt.

Haben Sie eine Lieblingsstation?

Arch: Nein. Ich betrachte das nüchtern. Du kommst an die Wettkampforte und bist mit dem Kopf beim Rennen. Ich war in New York und habe von New York nichts mitbekommen, dasselbe gilt für Abu Dhabi. Ich will gar nichts mitbekommen, das lenkt mich ab. Es gibt nur den Kurs und mein Team. Deshalb fahre ich hin und nicht, weil es dort sonnig ist. Ich muss mit den Bedingungen zurechtkommen.

Setzen Sie sich mit den Problemen der Länder auseinander?

Arch: Bin ich für die Probleme verantwortlich? Ich fühle mich dafür nicht verantwortlich. Ich würde mich verantwortlich fühlen, wenn ich mit einem System mitschwimmen würde, anstatt, wie ich, individuell zu sein. Wenn das jeder machen würde, dann würde es einige politische Probleme nicht geben. Viele Länder sind arm, weil sie von Großmächten ausgebeutet werden, weil riesige Interessen dahinterstecken, die ein Individuum nicht teilt. Die auch ich nicht teile. Ich hatte das Privileg, in Mitteleuropa aufzuwachsen, wo ich das Leben so leben kann, wie ich es jetzt lebe. Das hat aber nichts mit Glücklichsein zu tun. Jeder muss versuchen, in dem Leben, in das er hineingeboren wird, seinen Weg zu gehen. Das ist in unserer Gesellschaft mindestens genauso schwierig, wie in einem Armenviertel in einem anderen Land. Du brauchst diesen Menschen dort nur ins Gesicht schauen, sie sind genauso glücklich, wenn nicht noch glücklicher, als wir es sind.

Was sagen Sie jenen, die die Serie als Umweltsünde kritisieren?

Arch: Ich nehme ein Beispiel, damit die Leute aufwachen. Wenn ich dort fliege, sind mehrere 100.000 Zuschauer vor Ort, die sich über das Rennen, die Show freuen. Im Gegenzug nehme ich fünf Skitourengeher, die sich auf ihrem Egotrip als super grün empfinden, aber alle mit dem eigenen Wagen anreisen. Schlussendlich kann ich es für mich persönlich rechtfertigen, weil ich weiß, ich mache es zur Unterhaltung. Das ist vergleichbar mit einem Zirkuskünstler, nur moderner.

Auch Zirkuskünstler verunglücken immer wieder. Zwei Freunde von Ihnen, die Extremsportler Ueli Gegenschatz und Guido Gehrmann, sind bei Stunts gestorben. Wie gehen Sie damit um?

Arch: Guido war einer meiner besten Freunde. Ich habe ihn vor 15 Jahren zu Red Bull geholt. Das erschüttert, weil es Freunde sind, die dir am Herzen liegen. Man setzt sich mit demVerlust auseinander und fragt sich: „Ist es das wert?“ Ich glaube schon. Ich weiß, die beiden haben ihre Passion gelebt. Im Enddefekt dürfen wir einen Traum leben. Deswegen braucht es Sponsoren wie Red Bull, die einem diese Träume ermöglichen.

Verleitet das Geld nicht dazu, die Grenzen auch zu überschreiten?

Arch: Es gibt keinen Extremsportler, der aufgrund des Geldes von einer Wand runterspringt. Man geht einen Weg, um sich seinen Traum zu ermöglichen. Ich bin bis kurz vor meinem 30. Lebensjahr in die Schweiz gefahren, habe in einem Bus gewohnt. Ich hatte fast kein Geld, es reichte gerade zum Leben. Ich war mindestens genauso glücklich wie jetzt. Zudem bin noch mehr hinter dem gestanden, was ich gemacht habe. Es ging nur um das Erleben. Dieser Anspruch hat sich auf meinem Weg nicht verändert. Das hat nichts mit Geld zu tun.

Wer ist Ihnen wichtig auf diesem Weg?

Arch: Meine Familie, meine Freundin, meine Freunde. Die wenige Zeit, die ich habe, will ich mit ihnen verbringen. Es gibt wenige Freunde, aber ich pflege den Kontakt. Ich bin kein einfacher Mensch. Mit mir hat man es nicht leicht, weil ich mich nicht hin und her biegen lasse. Aus diesem Grund brauche ich Menschen, die einen gewissen Einfluss auf mich haben und die Kraft, mich auch mal vor den Kopf zu stoßen.

Darum noch einmal die Frage: Wann geht Hannes Arch in die Luft?

Arch: Wenn er das Gefühl hat, etwas ist ungerecht oder jemand spielt mit meinen Emotionen. Emotionen sind meine Stärke und meine Schwäche. Wenn man mich in die Ecke treibt, mich provoziert, dann denke ich nicht mehr nach und halte gewisse Gesetze des Miteinanders nicht mehr ein. Ich kann laut und verletzend werden. Wenn man mit mir spielt, dann kann ich ziemlich ungut werden (lacht).

Das Interview führte Susann Frank


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