Männernöte unterm Regenbogen

Gut so: Jan Lauwers wagt eine Uraufführung aus John Cassavetes’ Nachlass.

Callgirl in Männer-WG: Sung-Im Her (l.) und Falk Rockstroh in „Begin the Beguine“.
© APA

Von Bernadette Lietzow

Wien –Es ist eine Art Versuchsanordnung, in der die Freunde Gito und Morris, zusammengeschweißt in einer fragilen Männerwohngemeinschaft, dem sie umtreibenden „Geheimnis des Todes“ über dem Umweg zahlreicher „kleiner Tode“ mit bestellten Gespielinnen auf die Spur kommen wollen. John Cassavetes (1929–1989), der neben seiner Präsenz als Schauspieler vor allem mit seinen eigenen, nach wie vor beeindruckenden Filmen (Shadows 1959!!), als großer Wegbereiter des New American Cinema gilt, stellte stets die unspektakulären und umso tieferen Abgründe menschlichen Zusammenseins in das Zentrum seiner filmischen Beobachtungen. So auch in „Begin the Beguine“, jenem Stück, das Cassavetes seinen Freunden Peter Falk und Ben Gazzara auf den Leib geschrieben hat und dessen Verfilmung seiner Leberzirrhose mit letalem Ausgang zum Opfer gefallen war.

Dem belgischen Regisseur Jan Lauwers, Spiritus Rector der von ihm gegründeten Needcompany und mit dieser Artist in Residence am Burgtheater, ist es zu verdanken, dass Cassavetes’ Stück nun eine späte und umso verdienstvollere Uraufführung am Akademietheater zuteilwurde. Gemeinsam mit den aus dem Tanz kommenden Performerinnen Sung-Im Her und Inge van Bruystegem, beide zeitweise Mitglieder der Needcompany, und den Burg-Schauspielern Falk Rockstroh und Oliver Stokowski setzt Lauwers das von Defiziten, Nöten und Sehnsüchten geprägte Kammerspiel in der ihm eigenen stimmigen Mischform von Theater und Performance um.

Gito Spaiano (Rockstroh) und Morris Wine (Stokowski), zwei alternde „lonesome Cowboys“, hegen mit ihrem bewussten Rückzug auf ein in der Wunschvorstellung beider lust- und spaßgesteuertes Altenteil die Vorstellung eines perfekten Männerlebens, das sie ihr Versagen als Söhne, Ehemänner und Väter vergessen machen sollte. Wie der sprichwörtliche Esel hinter der verheißungsvollen Karotte jagen sie dem Wunsch, geliebt zu werden wie selbst zu lieben, hinterher. Vehikel zur Verwirklichung dieser Träume sind stets neue Prostituierte, die sie sich in ihr so gar nicht glamouröses Appartement im Irgendwo bestellen.

Immer wieder begleitet von Sophie Lux’ Livekamera arbeiten sich die vier Darsteller mit beeindruckendem Körpereinsatz an der ebenso traurigen wie zeitweise komischen Vorlage ab. Auf der „Suche nach dem Regenbogen“, irgendeiner Form von Glück, verirren sich die Männer in ihrem Gefühlshaushalt: Sowohl Rockstroh als auch Stokowski gelingt es, einsame Verzweiflung und Lust glaubhaft zu machen. Inge Van Bruystegem und Sung-Im Her stehen ihnen in nichts nach – sie stellen in ihren Rollen der wechselnden Callgirls nachvollziehbare Charaktere auf die Bühne. Immer wieder nimmt Lauwers seine Figuren aus dem klassischen Spiel heraus, verlangsamt das Geschehen mit teilweise musikalisch unterlegten performativen Elementen, denen das nicht deutschsprachige Theater schon lange vertraut, und hebt so den Abend heraus aus dem Gewohnten. Berechtigter Applaus.


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