„Woody ist ein kleiner Samurai“

Sie gilt als eine der Favoritinnen für den Oscar, doch ob Cate Blanchett ihn erhält, wird sich erst heute Nacht zeigen. Die TT führte vorab ein Interview mit der smarten Australierin.

Das gilt auch oft für den Oscar: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Aber in diesem Jahr wäre es ein­e Mordsüberraschung, wenn die Australierin Cat­e Blanchett die begehrte Trophäe nicht mit nach Hause nehmen würde. Nämlich für ihre Leistung in Woody Allens „Blue Jasmine“. Einen Oscar hat die 44-Jährige ja schon. Den bekam sie 2005 als beste Darstelleri­n einer Nebenrolle in „Aviator“.

Wie lange brauchen Sie üblicherweise, um sich für eine Rolle zu entscheiden?

Cate Blanchett: Im konkreten Fall nur Sekunden. Woody Allen hat angefragt und ich habe Ja gesagt. Ungeschaut. Das Drehbuch bekam ich erst nachher, und es war ein echter Knaller, voller Überraschungen.

Wer ist diese Jasmine?

Blanchett: Eine Frau, die zunächst alles hat. Einen smarten Ehemann mit beträchtlichem Vermögen. Aber nicht nur, dass sich herausstellt, dass er sie bedenkenlos betrügt, er wird auch wegen krimineller Machenschaften festgenommen, man beschlagnahmt sein Vermögen. Was für Jasmin ebenfalls ein Sturz ins Nichts ist. Unterschlupf findet sie im kleinen Haus ihrer Schwester in der Nähe von San Francisco.

Wie reagiert sie?

Blanchett: Sie ist desillusioniert, total gebrochen und versucht, sich selbst zu erfinden. Mit kiloweis­e Tabletten und literweise Alkohol. Woody hat dies­e Figur wunderbar geschrieben, faszinierend, herzzerreißend, und er wandelt damit auf den Spuren des von ihm so verehrten Ingmar Bergman.

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Wie viele Freiheiten lässt er einem beim Drehen?

Blanchett: Viele, glaubt man. Doch eines weiß er absolut genau: was er nicht mag. Und da gibt es keine Diskussionen mehr. Was oft brutal ist.

Als ihn John Turturro als Schauspieler für „Fading Gigolo“ engagierte, bezeichnete er Woody als Samurai. Mit den Worten: „Für mich ist er ein Krieger, hart und zäh.“ Wie gefällt Ihnen das?

Blanchett: Ja, er ist einer. Ein sehr kleiner Samurai mit Augengläsern.

Sie haben auch mit anderen großen Regisseuren gearbeitet, etwa mit Terrence Malick. Ein großer Unterschied zu Woody?

Blanchett: Malick geht lieber angeln und du erfährst absolut nichts über die Story. Bei Woody hingegen bekommst du das Drehbuch – und da weißt du schon alles.

Wie stark haben Sie sich in die Figur der Jasmine hineinversetzt?

Blanchett: Ich lebte sie mit und habe in dieser Zeit nicht wirklich gut geschlafen. In dieser Arbeit war so viel Schmerz. Die Freude bestand dann darin, dass man ihn durchgestanden hatte.

Wie haben Sie Woody Allen erlebt?

Blanchett: Als ungemein diszipliniert. Und privat: Er isst jeden Tag das gleiche Frühstück und trägt tagtäglich die gleiche Kleidung. Natürlich immer frisch gewaschen und geputzt, denn er besitzt rund 20 Anzüge vom selben Ralph-Lauren-Schnitt.

Jasmine war Ihre erste Filmhauptrolle nach längerer Pause?

Blanchett: Sie kam gerade zur rechten Zeit. 2008 hatte ich mit meinem Mann Andrew Upton die künstlerische Leitung der Sydney Theatre Compan­y übernommen. Als wir aufhörten, hatten wir das Haus aus den roten Zahlen geführt.

Eine gute Zeit?

Blanchett: Ja, ich habe es am Theater genossen, mit dem Publikum eng verbunden zu sein. Das findet beim Film nicht statt. Und man kann am Theater auch leichter etwas aufstellen. Beim Film hast du oft brillante Idee­n, eine tolle Besetzung, aber alles löst sich auf, weil sich die Finanzierung fünf Jahre hinzieht. Ich hab’ in Sydne­y übrigens mit tollen Kolleginnen gearbeitet. Etwa mit Liv Ullmann für „Endstation Sehnsucht“ und Isabelle Huppert für „Die Zofen“.

2012 gab es einen kleinen filmischen Ausflug zu „Der Hobbit“, als Elben­königin Galadrie­l, die Sie bereits in „Der Herr der Ringe“ spielte­n?

Blanchett: Nur, weil ich unbedingt wieder mit Peter Jackson arbeiten wollte. Ich wusste gar nicht, ob er mich nehmen würde. Aber er hatte ohnehin so wenige Frauenfiguren drin. Da war ihm mein Kurzauftritt ganz recht.

Das Interview führte Ludwig Heinrich


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