Juri Gagarin wäre am Sonntag 80 Jahre alt geworden

Der „Kolumbus des Kosmos“ war 1961 als erster Mensch im All.

Moskau – Das Büro des legendären sowjetischen Raumfahrers Juri Gagarin bei Moskau wirkt, als könnte der Kosmonaut jeden Moment hereinkommen. Frische Blumen stehen auf dem Schreibtisch, daneben steckt in einer Plastikhülle ein handgeschriebener Arbeitsausweis mit der Nummer zehn. Doch der erste Mensch im All, der am Sonntag (9. März) 80 Jahre alt geworden wäre, starb kurz nach seinem historischen Flug.

Ein Kalender im Büro zeigt das Todesdatum 27. März 1968. Fast 46 Jahre danach trainiert längst eine neue Generation von Raumfahrern im Sternenstädtchen, wo die ehemalige Arbeitsstätte des Pioniers heute ein Pilgerort ist. Noch immer dreht sich im Ausbildungszentrum alles um Gagarin. Auf einer Wiese steht ein Bronzedenkmal des Kosmonauten, und vor einem Wohnhaus wächst ein von Gagarin gepflanzter Baum. „Für uns“, sagte der Ingenieur Boris Michailowitsch Jessin, „ist das ein heiliger Ort“. Im lokalen Museum ist Gagarins Raumanzug ausgestellt, in Vitrinen hängen sowjetische Zeitungen.

Mit einer Schubkraft von rund 20 Millionen PS startete am 12. April 1961 eine Rakete ins All - erstmals mit einem Menschen an Bord. In der „Wostok“-Kapsel kauerte Gagarin, Sohn einer Bäuerin und eines Tischlers. In etwas über 100 Minuten umrundete er die Erde, bevor er beim Landeanflug mit dem Fallschirm absprang. Der harte Aufprall der Kapsel hätte ihn töten können.

Als der 27-Jährige auf einen Acker an der Wolga fiel, erwartete ihn nicht die Weltpresse - sondern eine erschrockene Waldarbeiterin. Die Ingenieure hatten sich beim Landeplatz gründlich verrechnet. Der Flug machte den sozialistischen Vorzeigehelden mit dem bubenhaften Lächeln unsterblich - und zum „ersten Popstar des Ostblocks“.

Er erwies sich für die Staatspropaganda als Glücksgriff. „Ich kann zwar um die Erde fliegen, aber mit dem Besteck kenne ich mich nicht aus“, sagte er beim Empfang der Queen. Das Ausland war entzückt von so viel Spontanität. Als „Kolumbus des Kosmos“ wird Gagarin bezeichnet, in Anlehnung an den berühmten Seefahrer und Entdecker.

1951, zehn Jahre vor Beginn des Zeitalters der bemannten Raumfahrt, kam Gagarin nach Moskau. Hier absolvierte der am 9. März 1934 im Dorf Kluschino rund 180 Kilometer westlich der Hauptstadt geborene Mann eine Ausbildung zum Gießer. 1955 musste er zur Armee. Fünf Jahre später war der Kampfjetflieger ein idealer Kandidat für das ehrgeizige Raumfahrtprogramm des Landes. Die Belastungstests verlangten ihm alles ab. „Ich weiß nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im All“, sagte er mit Verweis auf die Testreihe mit Vierbeinern im Weltraum.

Gagarin reiste nach seinem historischen Flug als „Botschafter des Friedens“ um die Welt. Nie zuvor - und vielleicht auch nie danach - wurde die Sowjetunion so wohlwollend aufgenommen. Doch zu Hause in Moskau zogen dunkle Wolken auf. Berichte über Alkohol-Exzesse und Frauengeschichten des Familienvaters machten die Runde.

Mitten in dieser Phase starb Gagarin: Am 27. März 1968 stürzte der Mann, der im All mit Blick auf die Erde den Begriff vom „Blauen Planeten“ prägte, beim Test eines Jagdflugzeugs bei Moskau ab. War es ein Pilotenfehler, eine technische Panne - oder gar Sabotage? Um die Ursache ranken sich noch immer Gerüchte. Gagarins Urne wurde bei einem Staatsbegräbnis in der Kremlmauer beigesetzt.

Auf dem Mond trägt heute ein 265 Kilometer langer Krater seinen Namen, und auf der Erde ziert sein Konterfei viele T-Shirts und Tassen - ein Geschäft, bei dem Gagarins jüngste Tochter Galina in Russland mitkassiert. Die Wirtschaftswissenschafterin ließ beim Patentamt in Moskau den Namen ihres Vaters als Handelsmarke schützen. (APA/dpa)


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