Eine soeben vom Kreuz Abgenommene

Lois Anvidalfarei von seiner bekannten und unbekannten Seite in der Innsbrucker Galerie Maier.

© galerie maier

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Auf einem schmale­n Tisch liegt eine leicht überlebensgroße nackt­e Frau. Ihre extrem langen Arm­e sind weit ausgestreckt, der Hals ist überstreckt, der Kopf hängt über die Kante. Jed­e Sehne, jede Rippe des aus­gemergelten Körpers ist zu sehen. Ob es der einer Toten oder einer Schlafenden ist, ist unklar. Der Schragen, auf dem die Figur wie eine soeben vom Kreuz Abgenommene liegt, ist jedenfalls aus Holz und kein kühler Seziertisch.

Der Südtiroler Bildhauer Lois Anvidalfarei zeigt sich mit dieser soeben fertig gestellten Arbeit in seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Maier von einer erstaunlich neuen Seite. Als absoluter Realist, der sich in dieser fragilen „Liegenden“ erstmals von sich selbst, seiner eigenen männlichen Körperlichkeit frei macht. So schutzlos die Figur auch daliegt, einen billigen Voyeurismus bedient der Künstler aber nicht. Zu expressiv ist das, was hier vorgeführt wird, zu subtil die plastische Durchformung der Figur, die malerische Poesi­e ihrer Oberfläche. Die trotzdem eine verstörend spröde ist, Verletzungen suggeriert, das Reale aufbricht.

Anvidalfarei formt seine Skulpturen in Gips, bevor sie in Bronze gegossen werden. Die Spuren seines Tuns bleiben dabei unverwischt, erzeugen eine autonome Textur, die die nackten Körper vor zudringlichen Blicken schützt. Die sich oft in ausgesetzten Situationen befinden. Egal, ob sie schlafen, sich selbst umarmen, von Gerüsten fallen oder in solchen gefangen sind. In diesen glaubt man bisweilen den Künstler selbst zu erkennen, seinen stilisierten Körper bzw. Kopf, seine Gliedmaßen, die an ihre­n Enden oft eigenartig vegetabil ausfransen.

Im Vorfeld einer Skulptur entstehen unzählige Zeichnungen. Als ganz klare Umkreisungen von Köpfen und Körpern, die sich aber auch wunderbar in der Fläche auflösen können oder – ganz den Bildhauer verratend – als splittrig dreidimensionale Spur in die zweidimensionale Fläche gegraben sind.

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