Der Integration werden Beine gemacht

LR Beate Palfrader bestellt erstmals einen Landeskoordinator für Inklusion. Der Reuttener Roland Astl wurde mit der Aufgabe betraut. Eigene Beratungsstellen zur Verbesserung der Integration werden aufgebaut.

Von Helmut Mittermayr

Reutte –Der Anteil jener Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Tirol, die in das Regelschulwesen integriert sind und nicht eine Sonderschule besuchen, betrug laut Statistik Austria im vergangenen Schuljahr 36 Prozent. Österreichweit sind bereits 55 Prozent integriert. Diese Zahl bereitet der politisch zuständigen Landesrätin Beate Palfrader keine Freude. „Im Bundesländervergleich liegen wir deutlich zurück. Das muss sich ändern!“ Die Landesschulratspräsidentin hat nun Schritte gesetzt, die einen Paradigmenwechsel einleiten. Erstmals gibt es einen Landeskoordinator für Integration. Er hat sein Amt gestern angetreten und heißt Roland Astl.

Der Außerferner leitete seit 1999 das Sonderpädagogische Zentrum (SPZ) in Reutte. In diesem Bezirk werden alle behinderten Kinder in Regelschulklassen der Volksschulen, Neuen Mittel- und Polytechnischen Schulen integriert. Die Inklusion, wie der Fachbegriff lautet, beträgt im Außerfern 100 Prozent. „So weit wollen wir gerade nicht gehen. Die Sonderschulen werden in Tirol nicht aufgelöst. Aber die Wahlfreiheit der Eltern zwischen Integration und Sonderschule muss überall gegeben sein. Sie ist ein besonderes Gut“, erklärt Palfrader.

Die VP-Politikerin will den Prozentsatz integrierter Schüler stark anheben. Immerhin 59 Prozent aller Kinder an Sonderschulen würden nach Lehrplänen der Volks-, Haupt- oder Allgemeinen Sonderschule unterrichtet. „Diese Kinder können alle problemlos in Regelschulen integriert werden“, ist sich Palfrader sicher.

Mit der Bestellung Astls als Landeskoordinator hat Palfrader ein Zeichen gesetzt. Eine bekannte Größe der Tiroler Integrationsbewegung in diese Position zu hieven, hatte im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Palfrader pragmatisch: „Ich konnte doch keinen Sonderschulleiter mit dieser Aufgabe betrauen. Natürlich musste es ein ausgewiesener Fachmann für Integrationsbelange sein. Ich bin froh, dass Roland Astl zugesagt hat.“

Palfrader will auch klarmachen, dass dieser „Schwenk“ in der Bildungspolitik gar keiner ist. Auch kein Alleingang ihrerseits: „Der Staat Österreich hat bereits 2008 die UN-Konvention unterzeichnet, Inklusion voll umzusetzen.“ Der politische Wille dafür sei da, bis hin zum Landeshauptmann. Im April 2013 hat sich auch das Kollegium des Tiroler Landesschulrates einstimmig dafür ausgesprochen.

Neben der Einsetzung eines landesweiten Koordinators steht eine weitere gravierende Änderung ins Haus – vor allem was die Anlaufstelle für Eltern betrifft, die ihr Kind mit sonderpädagogischem Förder­bedarf gut aufgehoben wissen wollen. Im jedem Bezirk werden so genannte PBZ’s, Pädagogische Beratungszentren, geschaffen, die nicht mehr an den Sonderschulen angesiedelt sind. In der gelebten Praxis hätten sich Son­derschulleiter schwergetan, eine Empfehlung pro Inte­gration auszusprechen. Mit eigenen Beratungszentren seien sie diesem persönlichen Konflikt nicht mehr ausgesetzt. Vor wenigen Tagen gab es eine Sitzung aller Sonderschul- und SPZ-Leiter Tirols, bei der Palfrader alle über die neue Zielsetzung informierte.

Roland Astl fällt im TT-Interview zu seiner Bestellung „Respekt vor der großen Aufgabe“ ein. Im Schulwesen an einer wirklichen Änderung mitarbeiten zu können, das komme nicht oft vor. Er freut sich auf das Kommende. Inklusion ist für ihn ein Weg, der „stark zunehmen wird. Weltweit unstrittig ist, dass Menschen mit Behinderung zuerkannte Teilhaberechte besitzen. Eine Gesellschaft, die dies erfüllt, ist humaner und demokratischer. Und eine Schule, die mit Unterschiedlichkeit zurechtkommt, ist ein Gewinn für alle.“ Der Landeskoordinator muss in den nächsten Monaten die neuen Zentren aus der Taufe heben, Führungskräfte suchen, ein Leitbild erstellen, entsprechende Weiterbildung mitgestalten und als Schnittstelle zu den Systempartnern fungieren. Astl ist Landesschulinspektorin Ingrid Handle zugeordnet.

Im Land Tirol gibt es aktuell 32 Sonderschulen mit 176 Klassen und 1166 Schülern. 4,24 Prozent aller Tiroler Schüler weisen sonderpädagogischen Förderbedarf auf.


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