Blumige Blutspuren

In Bernhard Aichners Thriller „Totenfrau“ ist die Heldin keine Heilige. Bestatterin Blum fährt auf Rache ab – und mit einem weißen Leichenwagen durch Tirol.

Der Innsbrucker Autor Bernhard Aichner.
© Ursula Aichner

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Ein Segelboot schippert übers Meer, die Sonne brennt, die Wellen rauschen, zwei Menschen schreien – um Rettung und um ihr Leben. Und an Deck, da lächelt Brünhilde Blum ganz selig, weil sie weiß, dass nur sie die Schreie hört – und ihre Adoptiveltern des Todes sind.

Mit der Heldin von Bernhard Aichners „Totenfrau“ ist nicht zu spaßen, das wird schon auf den ersten Seiten des mörderischen Wälzers klar, den btb zum Spitzentitel des Frühjahrs erkoren hat. Und für den der deutsche Verlag und der Tiroler Autor schon seit Monaten eifrig die Werbetrommel rühren. Der Thriller erscheint in mehreren Sprachen, kommt als Hörbuch auf den Markt und könnte bald auch zum Filmstoff werden.

Jugendfrei wäre der Streifen aber nicht: Der Weg von Blum, die ihren ungeliebten Vornamen gleich nach dem unglaublich starken Romanstart ablegt, wird von Leichen gepflastert. Vorerst aber nur aus beruflichen Gründen: Nach dem als Unfalltod getarnten Mord an ihren dominanten Adoptiveltern übernimmt Blum deren Bestattungsunternehmen – und cruist fortan mit einem weißen Leichenwagen durch Innsbruck und Umgebung. 08/15-Bestatterin ist sie nämlich keine. Privat läuft’s toll: Ehemann Mark ist Polizist, gemeinsam haben sie zwei süße Kinder, das Leben könnte rosiger kaum sein. Da passiert’s: Mark wird überfahren. Blum ist am Ende und am Anfang eines Rachefeldzuges. Denn rasch wird klar, dass Marks Tod kein Unfall war, sondern Mord. Und auf den steht bei Blum die Todesstrafe. Auf der Suche nach den Schuldigen sticht Aichners gnadenlose Heldin in ein Wespennest mit Dependancen in Sölden und Kitzbühel und rückt einem perversen Männerbund zu Leibe – mit Motorsäge und Formalinlösung.

„Totenfrau“ ist also nichts für schwache Nerven, hier wird gemetzelt und gemeuchelt, was das Zeug hält. In stakkatoartigen Sätzen, mit denen Aichner in drei Krimis schon dem Totengräber Max Broll Feuer unterm Hintern machte, jagt er auch Blum durchs Geschehen, das spannungstechnisch kaum Wünsche offen lässt. Doch um den Thrill permanent am Köcheln zu halten, wirkt so mancher Handlungsstrang arg konstruiert – oft ist es bloß der Zufall und kein ausgetüftelter Erzähldreh, der Blum einen Schritt weiterbringt. „Dass es so einfach sein kann, daran hat Blum nicht gedacht“, heißt es an einer Stelle. Aichner hätte ihr ruhig schwierigere Wege zumuten können. An einer anderen Stelle kommt die US-Serie „Dexter“ in Spiel, in der ein traumatisierter Forensiker Bösewichte ums Eck bringt, die der Polizei durch die Lappen gingen. Die Erwähnung, dass Blum die Serie liebt, wirkt wie eine Entschuldigung für Charakter-Parallelen der unkonventionellen Serienkiller.

Doch selbst wenn sich Aichner manchmal versteigt, ist „Totenfrau“ ein Lesestoff, den man verschlingt. Aber Achtung: Hin und wieder dreht es einem dabei den Magen um.


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