Die Arche Noah ist leck geworden

Der Innsbrucker Dom wird zur Festung Europa, an der Anton Christian spektakulär ein altes hölzernes Boot zerschellen lässt.

© Thomas Böhm / TT

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Ein altes hölzernes Boot, zerschellt am barocken Innsbrucker Dom als Symbol für den Felsen des katholischen Europa. Wer denkt da nicht unwillkürlich an die unzähligen Flüchtlinge, die auf dem Weg in eine vermeintlich bessere Welt fast täglich vor Lampedusa stranden. Als „vergogna“ (Schande) bezeichnete Papst Franziskus dieses kollektive westliche Wegschauen von einer menschlichen Katastrophe, von der letztlich auch nicht die Institution Kirche ausgeschlossen ist.

Umso mutiger ist es von Innsbrucks Dompropst Florian Huber, dass er es zulässt, dass der Tiroler Künstler Anton Christian an „seiner“ Kirche ein Boot stranden lässt. Als Teil der heurigen, seit 25 jährlich in der Fastenzeit von der Aktion „Kunstraum Kirche“ initiierten künstlerischen Intervention, die seit dem Jahr 2000 im Innsbrucker Dom jeweils von anderen Künstlern zelebriert wird.

Doch keine der bisherigen Aktionen war so voll aktueller Bezüge und gleichzeitig so reich an Metaphern wie die von Anton Christian. Wenngleich die des sinkenden Bootes alles andere als neu ist, berührt sie doch. Und gerade in der hier vorgeführten Plakativität, an der es nichts zu deuteln, zu beschönigen, zu relativieren gibt. Jeden von uns, die drinnen im Boot sind, zur Stellungnahme zwingt.

Gestrandet ist das leere Schiff hintergründig an einem anderen: dem Kirchenschiff, das hier als hochbarock pompöse „Arche Noah“ daherkommt. Als vermeintlich geschützter Raum, der durch ihre illusionistisch sich zum Himmelsraum öffnende bemalte Decke allerdings ein kleines Leck bekommen hat. Durch das Anton Christian im Sekundenrhythmus einen Tropfen Wasser aus 25 Metern Höhe in ein rostiges, im Mittelgang aufgestelltes Ölfass fallen lässt. Das Geräusch, das dieses Tropfen verursacht, ist minimal, aber stetig und wird – verstärkt – auch in den Außenraum übertragen.

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Mit der Zeit wird sich das Fass füllen, übergehen wird es allerdings nicht. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagt ein altes Sprichwort. Für jenen, der neben dem Fass liegt, trifft das zwar nicht zu. Er soll als Sinnbild für Gefühllosigkeit verstanden werden, für versteinerte Herzen, die nicht einmal vom Anblick ertrinkender Menschen weich werden. Deren Schicksal das Wasser wird, ohne das auf der anderen Seite kein Leben möglich ist.

Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Diözese Innsbruck gibt es neben dem Kunstprojekt „Der Felsen – das Boot – das Wasser – der Stein – von Anton Christian im Dom in der heurigen Fastenzeit noch zwei weitere. Ab kommendem Freitag (16 Uhr) zeigt Rudolf Kurz am Vorplatz der Wiltener Stiftskirche sein Projekt „Auch wenn alle mitmachen, ich nicht“ und ab kommendem Dienstag (17.30 Uhr) Beatrix Salcher in der Theologischen Fakultät ihre Ausstellung „Aufbruch – die Lage bestimmt“.


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