„Ohne Diät keine Essstörung“

Die kommende „Woche des Gehirns“ beschäftigt sich u. a. mit dem Thema Essstörungen bei Jugendlichen. Expertin Kathrin Sevecke spricht im TT-Interview über Diäten, Modelcastings und eindeutige Alarmsignale.

Dünn sein wie ein Püppchen: Falsche Vorbilder können mit ein Grund sein, dass Kinder und Jugendliche eine Essstörung entwickeln.Foto: Thinkstock
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Frau Sevecke, wie viele Jugendliche sind in etwa von Essstörungen betroffen?

Kathrin Sevecke: Untersuchungen zeigen, dass bei zirka einem Fünftel aller elf bis 17-Jährigen ein Verdacht auf eine Essstörung besteht. Nach Asthma und Adipositas sind Essstörungen die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter. Weitere Studien besagen, dass es bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren bereits Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten gibt und z. B. extrem auf Kalorien geschaut wird. Bei den Buben sind zirka 14 Prozent auffällig.

Es geht nicht nur um zu wenig, sondern auch um zu viel essen. Was sind die häufigsten Essstörungen?

Sevecke: Zum einen Magersucht. Betroffene hungern, betreiben exzessiv Sport und nehmen eventuell Abführmittel. Gefolgt von Bulimie. Teilweise werden bei der Ess-Brechsucht 3000 bis 5000 Kalorien pro Fressanfall aufgenommen, um sich hinterher zu übergeben. Weiters wäre Binge-Eating zu nennen. Das sind unkontrollierte Essanfälle ohne Erbrechen. Betroffene nehmen tendenziell zu. Und nicht zuletzt Adipositas. Es gibt natürlich auch Mischformen. In der Therapie geht darum herauszufinden, ob das Essen das Symptom ist oder ob dahinter eine Zweiterkrankung steckt. Sehr häufig gehen Essstörungen nämlich mit Angst oder Depression einher.

Welche Auslöser stecken hinter einer Essstörung?

Sevecke: Seelische Probleme und psychosoziale Faktoren wie das westliche Schlankheitsideal spielen eine Rolle. Es gibt auch genetische Komponenten, wenn z. B. bereits die Mutter betroffen war, und neurobiologische Dysfunktionen, also eine Imbalance des Botenstoffes Serotonin im Gehirn. Meistens spielen mehrere Faktoren zusammen.

Werden Kinder viel zu früh mit Diäten konfrontiert?

Sevecke: Ich sehe das mit den Diäten sehr kritisch und sage: Ohne Diät keine Essstörung. Wir sehen in der Praxis jahreszeitliche Tendenzen, z. B. ein extremes Untergewicht im Sommer, in einer Zeit, in der die Bikinifigur angestrebt wird. Irgendwann haben alle Betroffenen angefangen, eine Diät zu machen.

Eltern sollten daher als Vorbild vorangehen und keine Diät machen, sondern ein gesundheitsförderndes Verhalten mit Sport und ausgewogener Ernährung vorleben.

Es heißt, Modelcastings im TV, Modemagazine oder ganz aktuell gepostete Bilder im Internet, auf denen z. B. stolz eine Lücke zwischen den Oberschenkeln präsentiert wird, nehmen Einfluss auf das Verhalten der Teenager. Stimmt das?

Sevecke: Ja, da gibt es einen eindeutigen Zusammenhang. Bei Bildern von schlanken Models, teilweise mit dem Gewicht einer Magersüchtigen, wächst die körperliche Unzufriedenheit des Betrachters. 50 Prozent der normalgewichtigen Mädchen nehmen sich selbst als zu dick wahr und denken sich „Ich bin nicht richtig“. Und dann gibt es noch die Macht der Gruppe, die das alles toll findet.

Wie sehen betroffene Jugendliche ihren Körper, wenn sie in den Spiegel blicken?

Sevecke: Hier herrscht ganz klar eine Körperwahrnehmungsstörung. Wenn wir z. B. untergewichtige Mädchen bitten, ihre Umrisse zu zeichen, dann zeichnen sie – obwohl sie sehr dünn sind – bestimmte Stellen wie Wangen, Oberarme, Oberschenkel, Hüfte und Bauch viel zu dick.

Welche Alarmsignale dürfen Eltern nicht ignorieren? Gibt es auch nur Phasen, die vorübergehen?

Sevecke: Ja, es gibt Phasen, in denen Kalorien gezählt werden, und die vorbeigehen. Dauert dieses Verhalten aber länger an, dann ist das ein eindeutiges Alarmsignal. Essstörungen entwickeln sich. Vorboten neben ständigem Kalorienzählen sind verstärktes Essen von Lightprodukten, sehr viel essen, dann wieder eine Diät machen, Gewichtsschwankungen in kurzer Zeit und extrem viel Sport.

Aber nicht nur Eltern sollten auf das Verhalten ihrer Kinder achten, auch Fitnesstrainer, Lehrer oder Ärzte, speziell Frauenärzte, sind angehalten, die Signale ernst zu nehmen. Heute wird sehr schnell die Pille verschrieben. Das kaschiert ein typisches Alarmsignal, nämlich das Ausbleiben der Periode. Essen Betroffene zu wenig, kann es schnell zu einer medizinisch-körperlichen Bedrohung kommen. Der Körper geht auf Sparflamme. Es kommt zu Mangelerscheinungen, die u. a. Herz. Leber oder Niere betreffen.

Wie kann Jugendlichen geholfen werden?

Sevecke: Wichtig ist, früh mit einer Therapie zu beginnen. Der Erfolg im Jugendalter ist bei einer langen und raschen Behandlung sehr gut. Viele entwickeln dann tatsächlich ein ganz normales Essverhalten.

Leichtere Formen werden ambulant therapiert, schwerere Fälle stationär aufgenommen. Einerseits werden Mangelzustände durch einen festgelegten Essensplan ausgeglichen. Parallel dazu gibt es eine psychotherapeutische Betreuung, denn die Jugendlichen sind häufig sehr unglücklich, wenn sie Kilos zulegen müssen. Hinzu kommt noch eine Kunst- und Ergotherapie und hoffentlich bald auch eine Tanztherapie – eine gute Möglichkeit, seinen Körper in einer anderen Form auszudrücken.

Das Interview führte Nicole Strozzi


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