In der Geduld liegt der Erfolg

Wer geduldig ist, hat viele Vorteile im Leben, weiß der in Innsbruck tätige Wirtschaftsforscher Matthias Sutter. Man ist gesünder, erfolgreicher im Job und kommt weniger oft mit dem Gesetz in Konflikt.

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Herr Sutter, heute habe ich an einer Ampel die Hupe betätigt, weil ein Autofahrer vor mir bereits in der Grün-Blink-Phase angehalten hat. Was sagt Ihnen das über mich? Bin ich ein ungeduldiger Mensch?

Matthias Sutter (lacht): Gar nichts. Man sollte nicht aus einer Einzelbeobachtung auf den Charakter schließen ...

Über das Thema Geduld haben Sie als Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Innsbruck nun ein Buch geschrieben. Was bedeutet für Sie Geduld bzw. was fasziniert Sie daran?

Sutter: Geduldig zu sein, bedeutet für mich als Volkswirt gesehen, auf eine kleine Belohnung, die man sofort haben kann, zu verzichten und auf eine größere Belohnung in der Zukunft hinzuarbeiten. Dass das wichtig ist, zeigen viele internationale Studien, die über einen längeren Zeitraum gemacht worden sind.

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Aber auch wir haben erstaunliche Untersuchungen mit Tiroler Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 17 Jahren gemacht. Wir konfrontierten sie mit folgender Frage: Willst du jetzt 10 Euro haben oder 11 Euro in drei Wochen? Dann haben wir die Ergebniss­e mit weiteren Aussagen der Jugendlichen überprüft.

Die Zusammenhänge sind erstaunlich: So waren jene, die sich für die 10 Euro jetzt sofort entschieden haben, auch jene, die mit höherer Wahrscheinlichkeit rauchten, weniger sparten sowie schlechtere Verhaltensnoten in der Schule hatten. Das fand ich so spannend, dass ich mich eingehender mit diesem Thema beschäftigen wollte.

Viele internationale Studien bestätigen dieses Ergebnis. Bringt Geduld also etwas?

Sutter: Ja, sie zahlt sich aus. Kinder, die im Alter von vier oder fünf Jahren geduldig auf eine zweite Belohnung warten konnten, anstatt nur eine Belohnung sofort zu nehmen, waren im Erwachsenenalter im Durchschnitt besser ausgebildet, hatten in der Folge ein höheres Einkommen, waren gesünder, weniger häufig kriminell und wiesen weniger Verhaltensstörungen auf.

Und das Erstaunliche ist, dass die Fähigkeit, geduldig zu sein, gleich wichtig ist wie der elterliche Hintergrund bzw. gleich wichtig wie die eigene Intelligenz.

Ist Geduld nun etwas, was einem in die Wiege gelegt wird? Oder anders gefragt: Wie kann ich als Elternteil meinem Kind das Thema Geduld näherbringen?

Sutter: Die Wissenschaft weiß heute noch nicht genug darüber, inwieweit diese Eigenschaft genetisch verankert ist, aber es gibt möglicherweise genetische Prädispositionen. Aber natürlich hat die Umwelt einen großen Einfluss und daher kann man Eltern u. a. folgenden Tipp geben: Man muss seinem Kind verlässliche Rahmenbedingungen bieten, planbar sein – sprich man muss z. B. Gesagtes einhalten, auch wenn das einmal ein Nein ist.

Was können Sie einem Erwachsenen in Sachen Geduld raten?

Sutter: Man sollte sich ein wenig zurücknehmen und dann abwägen – gehe ich nun den schnelleren, leichteren Weg oder den längeren, schwereren Weg, bei welchem aber am Ende mehr herausschaut? Geduld kann man aber offenbar auch schulen, wie verblüffende Studien zeigen: So hat man mit Studenten über einen längeren Zeitraum Denksportaufgaben gemacht.

Das Ergebnis: Studenten, mit denen die kognitiven Fähigkeiten trainiert wurden, lernten besser und ausdauernder als jene, mit denen das Training nicht gemacht wurd­e. Kognitives Training hilft offen­sichtlich bei der Impulskontrolle.

Allerdings gibt es auch noch jene Typen, die im Hier und Jetzt ungeduldig, aber in den Plänen für die Zukunft geduldig sind. Das klingt doch ideal?

Sutter: Ist es aber nicht. Denn auch diese Menschen mit so genanntem zeitinkonsistenten Verhalten weisen ein paar weniger wünschenswerte Eigenschaften auf. Die haben zwar die besten Absichten für die Zukunft, aber wann immer es möglich ist, greifen sie sofort zu. Diese Charakter­e haben beispielsweise laut einer US-Studie mit höherer Wahrscheinlichkeit Kreditkartenschulden.

Zu etwas ganz anderem: Ist in einer schnelllebigen Zeit wie dieser für Geduld überhaupt noch Platz?

Sutter: Geduld ist eine Tugend, die heutzutage unterschätzt wird. So z. B. suggeriert einem ja die Werbung ständig, dass man nicht auf ein Auto sparen muss, wenn es doch so etwas Tolles wie Leasingraten gibt. Aber wie die Reaktionen auf mein Buch zeigen, wurde mit diesem Thema offensichtlich ein Nerv getroffen. Ich will einfach aufzeigen, dass sich Geduld lohnt. Und allein das Bewusstsein darüber kann ja vielleicht schon das ein oder andere bewirken.

Sie haben vor dem Studiu­m der Volkswirtschaft das Studium der Theologie abschlossen. Geduld spielt ja auch in der römisch-katholischen Kirche eine Rolle ...

Sutter: Für viele Orden ist Geduld ein großes Thema. Bei den Exerzitien ist Schweigen und Zuwarten angesagt, damit der Geist klar wird, um zu wissen, was man will. Da sehe ich schon Parallelen, sprich dieses Verhalten könnte mitunter auch hilfreich sein in der Lebensgestaltung.

Das heißt, ich soll das nächste Mal nicht mehr bei der Verkehrsampel hupen?

Sutter: Nein, diese Hektik macht einem ja selbst Stress. Hupen sollte man nur, wenn es im Rahmen der Verkehrs­sicherheit erforderlich ist.

Das Interview führte Irene Rapp

Info

Zur Person: Univ.-Prof. Matthias Sutter ist Professor für Angewandte Ökonomie am European University Institute in Florenz und Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Innsbruck.

Buch-Tipp: Matthias Sutter „Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent“, ecowin-Verlag, 2014, 22,95 Euro.

Vortrag: Matthias Sutter präsentiert sein Buch auch in Innsbruck. Am 19. März (ab 19 Uhr) wird er in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Tirol und der Buchhandlung Thalia Wagnersche in Innsbruck zu hören sein. Anmeldungen unter www.jungewirtschaft.at/tirol.

Sprichwort: „Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt“ – das persische Sprichwort steht im Klappentext.


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