Amoklauf einer verstörten Frau

Für ihre furiose Vorstellung von Wahn und Wut in der Familientragödie „Im August in Osage County“ wurde Meryl Streep vergeblich für den Oscar nominiert.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Auf dem Plattenteller liegt Vynil: Zu Eric Claptons „Lay Down Sally” erklärt Beverly (Sam Shepard) mit einem Whiskyglas in der Hand, wie es bei den Westons so zugehe. Man habe sich arrangiert, wie das eben so sei in einem langen Leben. Er, Beverly, habe sich das Trinken angewöhnt, während sich seine Frau Violet der Tablettensucht ergeben habe. Dann sagt Beverly noch einmal, das Leben sei so lang, und weil er sich als Schriftsteller nicht mit fremden Federn schmücken wolle, erwähnt er den Mann, der diese Banalität erstmals niedergeschrieben habe: T. S. Eliot. In diesem Moment stürzt Violet (Meryl Streep) torkelnd in das Zimmer, ihre Haare hat sie im Laufe ihrer Chemotherapie verloren. In Violets Mundhöhle wuchert ein Tumor, den sie als höllisches Brennen spürt. Wie Schaum bilden sich aber auch vor ihrem Mund Eiter und Fäulnis, wenn sie ihre Hasstiraden abfeuert. Die „Indianerin“, die künftig ihr Essen zubereiten und sie zur Chemotherapie fahren soll, kann sie nicht leiden. Johnna (Misty Upham) sei eine „amerikanische Ureinwohnerin”, verbessert sie Beverly und macht sich des Lebens müde wie Claptons Sally aus dem Staub. Was gerade noch aussah wie die Aufwärmrunde zu einem trunkenen Gemetzel im Stil von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf” wird zum erbarmungslosen Amoklauf einer Einzelkämpferin. In der Kinoversion von Albees Stück jonglierten Liz Taylor und Richard Burton 1966 mit den Dialogen und ihrem Image, der Welterfolg hatte auch damit zu tun, dass niemand sagen konnte, wo die Trennungslinie zwischen Stück und Privatleben aus Alkohol und Gewalttätigkeit der Stars verlief.

Nach Beverlys Selbstmord kommen die Töchter in das abgelegene, etwas heruntergekommene Weston-Farmhaus und werden von der unwürdigen Witwe wegen ihrer fortschreitenden Hässlichkeit gerügt. Für Violet habe es nur eine einzige Frau auf der Welt gegeben, die es sich leisten konnte, ohne Make-up aufzutreten. Diese Frau war Liz Taylor, „die dennoch Tonnen von Schminke“ aufgetragen habe. Mit dieser ironischen Grußadresse an die Filmgeschichte enden die Nettigkeiten, mit wut- und schmerzverzerrtem Gesicht verspritzt Violet als Viper nur noch Gift über ihre schrecklich nette Familie.

Tracy Letts kürzte sein 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „August: Osage County“ für die Kinoadaption um die Hälfte, ohne auf ein Thema in seiner amerikanischen Familientragödie zu verzichten. Dafür hat Regisseur John Wells ein erstaunliches Ensemble engagiert, das sich der furiosen Meryl Streep unterwirft, aber mit einem nervös resignierenden Blick auf Erniedrigungen reagieren kann.

Julia Roberts ist die älteste Tochter, die mit ihrem Ehemann (Ewan McGregor) schon vor Jahren wegen einer angeblich besser bezahlten Universitätsstelle geflüchtet ist. Bei ihrer Rückkehr muss sie den Vorwurf aushalten, dem Vater das Herz gebrochen zu haben und für seinen Tod verantwortlich zu sein. Ivy (Julianne Nicholson) ist als Lehrerin in Osage County geblieben, die Sommersprossen in ihrem Gesicht könnten auch von den Strahlen der Verachtung stammen, die Violet wie mit einer Laserpistole auf die mittlere Tochter schießt. Die jüngste Tochter Karen (Juliette Lewis) stellt der Familie einen zwielichtigen Geschäftsmann (Dermot Mulroney) aus Florida vor, an den sie sich wie an einen Strohhalm klammert. Mit Violets Schwester und deren zwei Charlies (Chris Cooper und Benedict Cumberbatch) ist die verschwitzte Trauergemeinde komplett. Obwohl Huhn mit Bohnen von Johnna serviert wird, liegen plötzlich Leichen aus dem Familienalbum auf dem Tisch.

Beziehungen und Familienverhältnisse müssen nach der Aufdeckung von Inzest und Missbrauch neu geordnet werden, kurzfristige Koalationen werden gebildet und wieder aufgelöst. Am Ende steht der Wahnsinn. Violet schiebt den Tonabnehmer auf „Lay Down Sally” und beginnt sich im Rhythmus zu wiegen. Beverly möchte sich ihr doch anschließen, greint sie, doch im Haus gibt es nur noch Johnna, die Indianerin.


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