Jede dritte Frau in EU Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt

62 Millionen Frauen in der EU – mehr als die Bevölkerung Italiens – sind seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. Das zeigt eine internationale Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte. Frauen aus 28 Mitgliedsländern wurden dafür erstmals zu Erfahrungen mit körperlicher, sexueller und physischer Gewalt befragt.

(Symbolfoto)
© dpa/Jörg Lange

Wien – Jede dritte Frau in der Europäischen Union erfuhr seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt. Fünf Prozent davon wurden vergewaltigt. Das zeigt eine neue internationale Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), in der 42.000 Frauen befragt wurden. „Zu viele Frauen in Europa leiden unter Gewalt“, sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum zur Untersuchung.

1.500 zufällig Ausgewählte im Alter von 18 bis 74 Jahren wurden pro Land (mit Ausnahme von Luxemburg mit 900 Personen) in persönlichen Gesprächen mit weiblichen Interviewerinnen zu ihren Erfahrungen mit sexueller, physischer und psychischer Gewalt befragt. Es zeigte sich, dass jede zweite Befragte schon einmal sexuell belästigt wurde, jede Fünfte erfuhr sexuelle Gewalt durch ihren Partner. 32 Prozent wurden durch Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden belästigt, eine von 20 Frauen ist seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden. 43 Prozent der Befragten waren durch ihren aktuellen oder einen früheren Lebensgefährten psychischer Gewalt ausgesetzt. „Das ist kein Nischenthema. Wir sprechen von Müttern, Töchtern und Schwestern, die sexuell, psychisch oder physisch missbraucht wurden“, so Kjaerum. Nur 33 Prozent der Frauen in Partnerschaften meldeten der Polizei oder anderen Stellen, was ihnen angetan wurde.

Erlebnisse in der Kindheit

Häufiger als Frauenhäuser suchen Betroffene medizinische Einrichtungen auf. 87 Prozent der Befragten gaben an, dass Ärzte nach der Herkunft verdächtiger Verletzungen fragen sollten, um möglichen Opfern helfen zu können. Die Teilnehmerinnen wurden auch zu Erlebnissen in ihrer Kindheit befragt: Hier gab jede dritte Frau an, körperlicher oder sexueller Gewalt durch Erwachsene ausgesetzt gewesen zu sein, die Hälfte der sexuellen Missbrauchsfälle (sechs Prozent) wurde von fremden Männern ausgeübt.

Auch innerhalb von sozialen Netzwerken werden immer mehr Frauen Opfer von sexueller Belästigung: Eine von zehn gab an, unangemessene Annäherungsversuche oder Emails und SMS-Nachrichten mit eindeutigem sexuellen Inhalt erhalten zu haben. Frauen von 18 bis 29 Jahren werden sogar doppelt so häufig auf diese Weise belästigt. EU-weit wurden neun Millionen Frauen Opfer von Stalking. Für jede fünfte Befragte traf das für einen Zeitraum von zwei Jahren zu, 23 Prozent änderten deshalb bereits ihre Email-Adresse oder Telefonnummer.

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Nördliche Länder stärker betroffen

Im Ländervergleich zählt Österreich (mit rund 13 Prozent) zu den „sichersten“ Ländern was die physische oder sexuelle Gewalt durch den Partner betrifft. In den nördlichen Ländern Europas fallen die Zahlen höher aus. Diese Unterschiede können laut Joanna Goodey, Vorsitzende des Freiheits- und Justizministeriums der FRA, auf unterschiedliche Trinkgewohnheiten innerhalb der Staaten, abweichenden Grade der Verschwiegenheit bei gewissen Themen sowie der Geschlechtergleichheit und verschiedenen Risikofaktoren für Frauen zurückgeführt werden. „Nur weil ein Land in diesem Vergleich besser da steht, heißt es aber nicht, dass die Ergebnisse gut sind. Das beste Ergebnis war, dass nur eine von fünf Frauen sexuelle Gewalt erlebt hat. Das ist immer noch viel zu viel“, so Goodey.

Um die Situation der weiblichen Bevölkerung innerhalb der EU zu verbessern, sollen daher Arbeitgeber, Beschäftigte im Gesundheitsbereich und in Bildungseinrichtungen geschult werden, um Anzeichen diverser Formen der Gewalt künftig früher erkennen zu können. (APA/TT.com)


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