Süß ist die Rache des Königspudels

Mit „The Drawingroom“ feiert die Galerie im Taxispalais die Zeichnung als hochaktuelles Medium, das heftig mit dem Raum flirtet.

Inspiriert u. a. von digitaler Bilderflut und Populärkultur sind die hybriden Wesen von Geoff Chadsey: „Star-spangled Cary“, 2013.
© Galerie im Taxispalais

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Eigentlich träumt Peter Weiermair von einer großen internationalen Ausstellung, die sich mit Formen und Möglichkeiten der Zeichnung auseinandersetzt. Womöglich kommt eine solche noch, dem Medium schenkten in den letzten Jahren jedenfalls mehr und mehr große Institutionen wie das New Yorker MoMA oder die Tate Liverpool Beachtung. Vorerst ist Weiermair eine „kleinere“, wohlgemerkt 15 Positionen umfassende Schau in der Innsbrucker Provinz aber auch ganz recht. Zumal er mit ihr just zum 50-Jahr-Jubiläum der Galerie im Taxispalais an seine Wirkungsstätte in den 1960er und 70er Jahren zurückkehrt, wo er auch der Zeichenkunst so manche Präsentation gewidmet hat. Die aktuelle entstand in Kooperation mit der renommierten Stiftung für Gegenwartskunst von Ursula Blickle und ist von deren Sitz im deutschen Kraichtal nach Innsbruck gewandert. Um zu zeigen, wie vital, vielfältig und konstant relevant (im Gegensatz etwa zur mehrfach totgesagten Malerei) das Medium ist.

Es ist jedenfalls keineswegs ans Zeichenblatt gebunden, wie der Südtiroler Paul Thuile mit seinen direkt an die Wand gezeichneten Raumausschnitten und -spiegelungen zeigt. Bei deren Entstehung er sich mitunter in recht prekäre Situationen begibt und etwa wie „ein Insekt an der Wand klebt“, so Thuile. Daraus ergeben sich ganze eigene Perspektiven, und Verzerrungen, die für den Zeichner selbst die „Urwahrnehmung“ wiedergeben, die in unserem Bestreben danach, „alles geradezustellen“, verschüttgegangen sei.

Geradegerückt darf hier etwas anderes werden: nämlich die offenbar noch immer verbreitete Annahme, die Zeichnung sei „nur“ begleitendes oder vorbereitendes Ausdrucksmittel, in ihrer Filigranität auch zu einem gewissen Autismus verbannt. Dem setzt der deutsche Zeichner Ralf Ziervogel nicht nur ob ihres großen Formats richtig wuchtig daherkommende Arbeiten entgegen: Angelehnt zum Teil an Comicsprache und Karikatur zeigen seine Tintenzeichnungen Menschen in monströs-misslichen Lagen, die man auch als gesellschaftliche Zerreißproben lesen könnte. Sie treten in der Unteren Halle in einen schönen Dialog mit den fast ornamentalen Zeichnungen der Iranerin Avish Khebrehzadeh. Während der Niederösterreicher Nikolaus Gansterer einen Stock höher sein eigenes Zeichen-Laboratorium und damit jenen Ort der Ausstellung eingerichtet hat, an dem am lust- und kunstvollsten vorgeführt wird, wie sich die Linie in den Raum hineindenken und etwa in einem Mobile materialisieren lässt.

Der titelgebende „Drawing­room“ hat mit Zeichenkunst ursprünglich übrigens nichts zu tun, lässt aber eine Absicht durchblicken: „Drawing­rooms“ waren in englischen Adelshäusern Salons für das angeregte Gespräch mit Gästen. Zur Diskussion darüber, was das Medium Zeichnung heute ist, soll auch der Brückenschlags zur Videokunst anregen: Die Israelin Maya Zack entwirft in „Black and White Rule“ ein beklemmendes Szenario aus wissenschaftlicher Obsession und archivarischer Akribie, wenn sie in einem an Versuchslabore der NS-Zeit erinnernden Setting einen Hundetrainer zwei weiße Königspudel auf einem Schachbrett abrichten lässt. Beobachtet durch eine Art Camera obscura von einer Zeichnerin, die das Geschehen pflichtbewusst dokumentiert. Auch dann noch, als es zum knurrenden Gemetzel kommt.

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Nicht zuletzt wird hier auch die pure, sinnliche Zeichenkunst gefeiert, etwa mit den „Capricci“ des Tirolers Franz Mölk, die sich erstaunlich gut mit den in mühevoller Handarbeit entstandenen, fast meditativen Strukturbildern des pakistanischen Künstlers Waqas Khan verstehen. Man hätte nicht zwingend einen „Tagebuch-Raum“ gebraucht, um die Zeichnung auch als Seismograph von Gefühlslagen zu erklären, es gibt ihn aber, und Arbeiten u. a. von Michael Ziegler und Danica Phelps korrespondieren dort prächtig.

Wie auch die Reaktionen des Amerikaners Geoff Chadsey und des Österreichers Christian Schwarzwald auf digitale Bilderflut und die seltsame Uniformität des Individuellen auf Selbstdarstellungsplattformen im Netz: verdichtet zu grotesken Wesen, die aus Versatzstücken verschiedener Archetypen bestehen. Und raumgreifend in der Zeichnungsinstallation „Dividuum“.


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