Ein Liebhaber alter Damen

Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ ist ein beglückendes Kinoerlebnis.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Für seine „Schachnovelle” über den Wahnsinn des Emigranten Dr. B., der sich mit Spielzügen in der Gestapohaft am Leben halten konnte, wählte Stefan Zweig einen Passagierdampfer auf dem Seeweg von New York nach Buenos Aires als Metapher und Schauplatz. In Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ ist für Schach keine Zeit, die Erzählung schält sich aus anderen Erzählungen, wofür sich in einem Hotel dankbare Zuhörer finden und Diskretion garantiert wird. Anonymität schützt vor unangenehmen Folgen. Das galt zumindest bis zur Digitalisierung von Nachrichten und Menschen, weshalb in den Filmen von Anderson handgemachten Bildern und Requisiten der Vorzug gegeben wird. „Grand Budapest Hotel“ folgt abstrakt dem Werk von Zweig, der sich verzweifelt 1942 in Brasilien vergiftete und den Jude Law und Tom Wilkinson in entscheidenden Lebensabschnitten darstellen.

Der Schriftsteller beginnt von einer schwierigen Phase und der damit verbundenen Schreibblockade zu erzählen, weshalb er in den Sechzigern das heruntergekommene „Grand Budapest Hotel“ aufsuchte, um im Spa-Bereich Linderung und Inspiration zu finden. Zero Moustafa (F. Murray Abraham) ist ein geheimnisvoller Gast, der sich letztlich als Eigentümer entpuppt und dem Autor die Geschichte seines Aufstiegs erzählt. Zero (Tony Revolori) kam als Emigrant nach Zubrowka und eroberte als Lobby-Boy die Sympathie von Monsieur Gustave (Ralph Fiennes), der als Concierge, Zeremonienmeister und Liebhaber der alten Damen im Hotel herrschte. Eine ganz besondere und auf Gegenseitigkeit beruhende Zuneigung verband ihn mit Madame D. (Tilda Swinton, verführerisch auch als 84-jährige Gräfin), die ihn deshalb in ihrem Testament nicht unerwähnt lässt. Nach D.s Tod lässt Dmitri (Adrien Brody) von Jopling (Willem Dafoe) eine Intrige spinnen, die Gustave als Mörder in das Gefängnis bringt. Mit einigen Gefangenen (Harvey Keitel und Karl Markovics liefern feine Kurzauftritte), die wie er vor der Hinrichtung stehen, gelingt Gustave die Flucht, doch der Zeitpunkt ist unglücklich gewählt, denn nach einem „Blitzkrieg” verwandelt sich Zubrowka in eine faschistische Diktatur, die dunkle Gestalten wie Dmitri an die Macht spült. Glücklicherweise gibt es jedoch die „Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel”, der die Concierges der Grand Hotels auf dieser Welt angehören und die – 1932 – sofort anreisen, sobald sich ein Kollege in Not befindet. Diese Rettungsmannschaft könnte man auch als Wes Andersons persönliche Komplizen bezeichnen. Monsieur Ivan, der Concierge des Hotels Excelsior Palace wird von Bill Murray gespielt, der in fast allen Anderson-Filmen dabei war. Bob Balaban (Monsieur Martin) war zuletzt in „Moonrise Kingdom“ (2012) der Erzähler, der in seine Erzählung eingreifen musste, um seine Helden im Libanon-Camp der Pfadfinder von New Penzance retten zu können. Die sensationelle Besetzungsliste ließe sich mit Mathieu Amalric, Edward Norton, Jeff Goldblum und anderen schier endlos fortsetzen, aber die Stars sind nur ein Strang zum großen Kinoglück. Es sind die unglaubliche Leichtigkeit und die liebevoll in jedem Bild versteckten Details, die ein zweites Anschauen belohnen.


Kommentieren


Schlagworte