„Von Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt“

Drei Frauen, drei Generationen, drei Geschichten. Und eine Meinung. Die 83-jährige Inge Kilian, ihre Tochter Karin und Enkelin Sinah halten den Frauentag, der heute weltweit gefeiert wird, für „wichtiger denn je“. Vieles habe sich verbessert, von echter Chancengleichweit könne aber nach wie vor keine Rede sein.

Von Katharina Zierl

Innsbruck –„Frauen halten durchaus zusammen“, sagt Sinah Kilian. Die 32-Jährige sitzt gemeinsam mit Mama Karin und Oma Inge am Küchentisch in der Innsbrucker Wohnung ihrer Mutter. „Frauensolidarität gibt es“, sind sich alle drei einig. „Ich erlebe gerade im Beruf, dass wir uns gegenseitig unterstützen“, erzählt Sinah.

Die enorme Bedeutung des heutigen internationalen Frauentags steht für die Innsbruckerinnen außer Frage. „Dieser Tag ist wichtiger denn je. Ich höre immer öfter von Frauen, die geschlagen werden und sich nicht wehren. Das regt mich auf“, sagt die 83-jährige Inge. Tochter Karin sieht das ähnlich: „Natürlich hat sich viel verändert. Aber von echter Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt.“

Sinah denkt kurz nach. Schaut ihre Oma und ihre Mutter an. „Es ist so wichtig, dem Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Obwohl wir heute als Frauen so viele Möglichkeiten haben, gibt es doch noch viel Luft nach oben – egal ob es um Jobchancen, Einkommen oder Kindererziehung geht.“ Der Begriff Emanzipation sei leider mittlerweile sehr negativ behaftet, sagt Sinah: „Es gibt viele Vorurteile. Dabei ist es so wichtig, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen.“ Egal für welchen Weg sich eine Frau auch entscheide, sie und ihre Entscheidungen sollten respektiert werden, sagt Inge. „Es ist gefährlich zu sagen, wir brauchen keine Emanzipation mehr, weil wir schon so viel erreicht haben. Es kann sehr schnell gehen und alles so mühsam Erarbeitete schwindet wieder“, ist sich Karin sicher.

Dass Frauen heute ein viel selbstbestimmteres Leben führen können als früher, stimme nicht unbedingt, sagt Sinah: „Es gibt andere Zwänge. Frauen sollen Kinder und Karriere unter einen Hut bekommen und auch noch in der Freizeit glänzen. Das ist schon ein immenser Druck. Man soll in allen Lebensbereichen funktionieren.“

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Leistung sei auch früher ein großes Thema gewesen, nur eben anders, erzählt die 83-jährige Inge: „Auch ich hatte immer den Ehrgeiz, alles bestmöglich zu erledigen. Damals war das alles aber eher eine Lebensnotwendigkeit.“ Es gebe durchaus Bereiche, die sich stark ins Positive verändert hätten, sagt die 62-jährige Karin, die vor ihrer Pensionierung als Lehrerin tätig war: „Allein wenn ich die Kinder in den vergangenen Jahren beobachtet habe, ist mir aufgefallen, dass sie im Umgang miteinander viel offener geworden sind – vor allem zwischen den Geschlechtern. Die Mädchen haben viel mehr Selbstbewusstsein. Der Druck, einen Mann finden zu müssen, um etwas wert zu sein, ist nicht mehr vorhanden.“ Heute sei Kinder zu kriegen und daheim zu bleiben nicht mehr der Traum der Frauen, betont Inge: „Einer Hausfrau wird viel zu wenig Wertschätzung entgegengebracht. Unbezahlte Arbeit ist eben nichts wert.“

Die Möglichkeiten der Ausbildung seien heute ganz andere, betont Inge, die als Schneiderin arbeitete: „Ich hätte nicht studieren können, sonst hätte ich’s wohl getan. Das ging aus finanziellen Gründen nicht. Außerdem hat damals das Verständnis dafür gefehlt.“ Ganz anders bei Sinah, die Geologie studierte: „Mir standen wirklich alle Möglichkeiten offen.“

Bei der Kindererziehung habe sich ebenfalls viel geändert. „Früher hatten wir nicht so viel Zeit, um uns über jede Kleinigkeit Gedanken zu machen. Wir haben einfach Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen. Wichtig war, dass alles funktionierte“, erzählt Inge. „Heute gibt es 10.000 Kurse und 50 Ratgeber, die dir erklären sollen, wie man ein Kind richtig erzieht. Tauchen Fragen auf, wird ein Kinderpsychologe konsultiert oder ein Buch gelesen“, betont Sinah. Was die 32-Jährige von ihrer 83-jährigen Oma lernen könne? „Auf jeden Fall Gelassenheit. Es gibt Dinge im Leben, die man akzeptieren muss. Einfach das Beste aus allem machen“, sagt Sinah. Was Inge umgekehrt jungen Frauen aus ihrer langjährigen Erfahrung mit auf den Weg geben würde? „Es ist, wie Sinah sagte, die Gelassenheit. Man kann über alles in Ruhe reden. Viele werden leider sehr schnell laut und regen sich auf. Weniger zu streiten macht so vieles im Leben leichter. Ich hab als ganz junges Mädchen, als ich einmal extrem zornig war, in den Spiegel geschaut: ein schreckliches Bild. Daraufhin habe ich mir den Zorn abgewöhnt.“

Die fehlende Kommunikation sei laut Inge auch für das Scheitern von immer mehr Beziehungen verantwortlich: „Die Leute reden zu wenig miteinander. Auch mit dem eigenen Partner. Man kann in aller Ruhe sagen, was einem nicht passt. Ich habe einmal zu meinem Mann gesagt, wenn er nicht zum Zahnarzt geht, gibt es keinen Kuss mehr. Dann ging er und es gab wieder einen Kuss. So einfach ist das.“


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