Alles, was Sie schon immer über Koks wissen wollten

Roberto Saviano ist süchtig nach guten Geschichten. In seinem neuen Buch „Zero Zero Zero“ entlarvt er Kokain als jenen Stoff, der die Welt regiert.

Glaubt man dem 35-jährigen, seit sieben Jahren im Untergrund lebenden Neapolitaner Roberto Saviano, dann kokst so ziemlich jeder.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Ich kenne zwar nur ganz wenige, die es tun, glaubt man allerdings Roberto Saviano, dann tut es so ziemlich jeder: nämlich koksen. Der Lkw-Fahrer, der die vielen Stunden auf der Autobahn nicht schaffen würde, ohne sich eine Linie zu ziehen, genauso wie der Chirurg, der im Moment gerade am OP-Tisch steht. Oder der Tischler, der für eine Portion ein Monatsgehalt hinblättert und die freundliche Stimme aus dem Callcenter, deren wohltemperierte Fröhlichkeit dem weißen Pulver geschuldet ist.

Ganze vier Seiten braucht Saviano für die Aufzählung all jener, die ohne Kokain nicht auskommen. Jene Droge, die längst nicht mehr nur die der Schönen und Reichen, sondern die Zeitgeistdroge schlechthin ist. Die drei Tage durchtanzen oder durcharbeiten lässt, die tollsten Erektionen garantiert, das angekratzte Ego zur Euphorie steigert. Ohne an die unausweichlich selbstzerstörerische Kraft des Wunderdings zu glauben.

Der 35-jährige Neapolitaner Roberto Saviano ist selbst süchtig. Allerdings nicht nach Kokain, sondern nach spektakulären Geschichten. Wie es jene über die süditalienische Camorra war, die er 2006 in seinem in 50 Sprachen übersetzten, inzwischen auch verfilmten Bestseller „Gomorrha“ erzählt. Was ihm unzählige Morddrohungen eingebracht hat, mit der Konsequenz, seit sieben Jahren ein Leben im Untergrund inklusive permanenten Personenschutzes führen zu müssen.

Diesen Carabinieri seiner Eskorte widmet Roberto Saviano auch sein neues Buch „Zero Zero Zero“. Fünf Jahre lang war er in aller Welt auf der pulvrigen Spur, setzte er sich mit diversen Facetten einer Branche auseinander, in der so viel Geld gemacht wird wie in keiner anderen. Die, glaubt man dem Autor, letztlich die Welt regiert.

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Savianos Buch liest sich zwar spannend wie ein Krimi, nach der akribischen Schilderung unzähliger mexikanischer und kolumbianischer Kartelle, ihrer Bosse und Unterbosse inklusive der unvorstellbaren Grausamkeiten, mit der sie sich gegenseitig meucheln, macht sich allerdings Ermüdung breit. Höchst interessant sind dagegen jene Kapitel, in denen es darum geht, wie letztlich jeder von uns in diese von mafiösen Organisationen in aller Welt kontrollierten globalen Drogenströme einbezogen ist. Wenn Saviano sehr schlüssig schreibt, wie die Drogengelder in den größten und renommiertesten amerikanischen und europäischen Banken reingewaschen werden und so letztlich im legalen Weltwirtschaftssystem landen.

Saviano belegt seine Behauptungen mit klaren Zahlen. Von Opfern, die die Drogenkriege fordern, genauso wie von Opfern der Droge. Nach der Lektüre der 480 Seiten kennt der Leser aber auch alle Kosenamen, die Kokssüchtige ihrem Stoff geben, und er weiß auch Bescheid über sämtliche Reinheitsgrade und Spielarten seines Konsums. Geschrieben als akribisch recherchierte harte Reportage, kombiniert mit kurzen Selbstreflexionen, die eigenartig pathetisch daherkommen.

Roberto Saviano. Zero Zero Zero.Wie Kokain die Welt beherrscht. Aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter König. 480 Seiten, Carl Hanser Verlag, 25,60 Euro


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