Das Milliarden-Karussell Formel 1 dreht sich wieder

Am kommenden Sonntag startet die neue Formel-1-Saison: Ex-Pilot Karl Wendlinger sprach mit der TT über die bisher größte technische Revolution der Königsklasse, die Schuldenlast und den Mythos Ayrton Senna.

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Herr Karl Wendlinger, wie groß ist die Vorfreude auf die neue Formel-1-Saison?

Karl Wendlinger: Sehr groß. Die Voraussetzungen waren seit Jahren nicht mehr so undurchschaubar. Durch die vielen technischen Neuerungen kennt man das Kräftever­hältnis nicht mehr. Ich glaube, es war noch nie so spannend wie heuer.

Die größte technische Revolution hat auch dafür gesorgt, dass die Teams mit der Standfestigkeit zu kämpfen haben. Wirft das auf die höchste Motorsportklasse ein schlechtes Licht?

Wendlinger: Das glaube ich nicht. Schließlich kann man ja erklären, warum die Probleme jetzt so sind, wie sie sind. Kein Team konnte sich jahrelang auf die technischen Neuerungen vorbereiten. Darunter leidet natürlich die Standfestigkeit. Zu meinen Zeiten (90er Jahre, Anm.) war es aber ganz normal, wenn einmal zehn bis zwölf Autos nicht das Ziel sahen. Ob die Neuerungen sinnvoll sind oder nicht, steht für mich nicht zur Diskussion.

Der Antrieb mit den neuen V6-Turbomotoren sorgte für die größte Aufregung.

Wendlinger: Viel Lärm um nichts, würde ich sagen. Die Antriebe sind nach wie vor laut, der Fan an der Rennstrecke wird da keinen Unterschied merken. Für die Teams wird es interessant. Die Umdrehungen sind auf 15.000 pro Minute gesunken, viele werden das aber nicht ausnützen. Denn ab 11.000 bis 12.000 Umdrehungen bleibt die Leistung gleich, nur der Benzinverbrauch wird mehr. Und das darf er ja nicht mehr.

Wird durch die gewachsenen Ansprüche die Qualität des Piloten noch mehr in den Vordergrund gerückt?

Wendlinger: Die Ansprüche waren stets die gleichen, sie haben sich heuer nur ein wenig verschoben. Das neue ERS wird eine spezielle Herausforderung. Das Energierückgewinnungssystem, das früher sechs Sekunden lang für zusätzliche 80 PS (KERS, Anm.) gesorgt hat, wird jetzt 33 Sekunden pro Runde für zusätzliche 160 Pferdestärken sorgen. Das ist Neuland für alle. Da wird auch die ersten Rennen lang viel experimentiert werden.

Vor den drei Testreihen hatte man Red Bull als WM-Favoriten angegeben. Und jetzt?

Wendlinger: Red Bull hat das Problem, von Renault abhängig zu sein. Die haben ihr­e Hausaufgaben aber nicht rechtzeitig fertig gemacht. Deswegen hat man dort Extra­schichten eingelegt. Aber ob das reicht, ist eine andere Frag­e. Nur die Arbeit am Simulator alleine reicht nicht aus. Andererseits sind ihre Werte in den Kurven sehr schnell. Also, wenn sie das Haar in der Supp­e finden, wird Red Bull wieder ganz vorn­e mitmischen. Von heut­e auf morgen wird das aber nicht gehen.

Und plötzlich gilt Mercedes als Favorit.

Wendlinger: Die haben in puncto Antrieb die beste Arbeit geleistet. Die Fahrerpaarung Lewis Hamilton (GBR) und Nico Rosberg (GER) ist sehr stark. Müsste ich jetzt mein Geld auf jemanden setzen, dann wäre es einer der beiden Piloten. Mercedes ist reif für den Titel.

Dann gibt es noch das Pulver­fass Ferrari, die sich mit Kimi Räikkönen und Ingenieur James Allison verstärkt haben.

Wendlinger: Zunächst einmal glaube ich nicht, dass bei der Scuderia das Fass explodieren wird. Fernando Alonso (ESP) und Räikkönen (FIN) werden sich, wie Rosberg und Hamilton, gegenseitig pushen. Dabei müssen sie sich nicht immer grün sein. Ferrari hat auf den Geraden beeindruckende Werte abgeliefert. Ich glaube, die haben noch nicht alle Karten aufgedeckt. Sie sind bei der Musik.

Wissen will es auch Rückkehrer Ron Dennis, der bei McLaren wieder als Geschäftsführer tätig sein wird.

Wendlinger: Ron Dennis war schon immer bekannt für seinen unbedingten Siegeswillen. Nach den Enttäuschungen im Vorjahr hat er die Reißleine gezogen und sich wieder an die vorderste Front bugsiert. Solche Änderungen können für die nötige Bewegung im Team sorgen. McLaren hat mit dem Mercedes-Motor das derzeit beste Produkt unter der Haub­e. Nächstes Jahr steigt Honda wieder ein, das ermöglicht einen Millionen-Segen auf ihrer finanziellen Seite.

Die Schuldenlast einzelner Teams gilt immer noch als Dauerbrenner.

Wendlinger: Das muss die Formel 1 in den Griff bekommen. Allerdings war es schon einmal schlimmer. Die Kleinen tun sich sehr hart. Bei Marussia oder Caterham sind fast keine Sponsorenaufkleber zu sehen. Ein neues Auto zu bauen, hat natürlich noch mehr Kosten verursacht. Die Diskussion, ob die Mitarbeiter im Fünf- statt im Drei-Sterne­- Hotel untergebracht sind, find­e ich unnötig.

Zum Abschluss: Der Todestag von Ayrton Senna jährt sich heuer zum 20. Mal. Sie haben den Brasilianer hautnah erlebt.

Wendlinger: Zwar hat er „nur“ drei WM-Titel und auch nie die Dominanz eines Michael Schumachers erreicht, aber er war ein Typ, der immer über den Dingen gestanden ist. Wenn er auf mich zukam und mit mir redete, sein Charisma hast du einfach gespürt. Für mich eine Persönlichkeit, wie ich sie nach ihm kein zweites Mal erlebt habe.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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