„Der stille Berg“: Am Ende gibt es nur Verlierer

Nach seiner heutigen Weltpremiere in Bozen startet Ernst Gossners bildgewaltiges Weltkriegs-Drama „Der stille Berg“ morgen in den österreichischen Kinos.

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Im Krieg gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du überlebst oder du stirbst. Wenn du stirbst, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder deine Leiche wird gefunden oder sie wird nicht gefunden. Wenn sie nicht gefunden wird, gibt es zwei Möglichkeiten ... Und so weiter und so weiter. Am Ende – die Pointe dieses bitterbösen Beinahe-Endlos-Witzes darf verraten werden – ist man „im Arsch“ – egal ob man überlebt hat oder nicht. Es ist der Einäugige (Roland Selva) der dem jungen Anderl (William Moseley) diesen Witz erzählt, um ihm die Zeit bis zum „Walschen-Schießen“ zu verkürzen. Sekunden später ist der Einäugige tot. Erschossen. „Der Walsche“ war schneller.

Im Krieg – das macht diese Szene ungefähr in der Mitte von Ernst Gossners „Der stille Berg“ klar – gibt es nichts zu lachen. Diese Einsicht mag, wie so vieles im zweiten Spielfilm des gebürtigen Innsbruckers Gossner, nicht wirklich neu sein. Aber sie hat fraglos ihre Berechtigung. Egal ob, wie in diesem Film, vom Ersten Weltkrieg oder von einem anderen vergangenen oder gegenwärtigen Waffengang die Rede ist.

Der Trailer von „Der stille Berg“: http://go.tt.com/MYKKRc

„Der stille Berg“ kombiniert den historisch verbürgten Wahnsinn des Dolomitenkriegs der Jahre 1915 bis 1918 mit einer tragisch überhöhten Familiengeschichte. Letztere ist zugegebenermaßen etwas arg holzschnittartig entworfen: Ein Paar feiert Hochzeit. Sie ist Südtirolerin, er Italiener, doch die grenz- und sprachgruppenübergreifende Feier wird abrupt beendet, als die Nachricht von der Kriegserklärung Italiens eintrifft. Aus der Festgesellschaft, die gerade noch Brüderschaft getrunken und überschwänglich getanzt hat, werden Feinde, weil es die große Politik so will. Während der Hochzeit hat sich Anderl, bekennender Italien-Hasser und der kleine Bruder der Braut, in die hübsche Francesca (Eugenia Costantini) verschaut. Im allgemeinen Trubel des Aufbruchs kommen sich die beiden näher. Sprichwörtlich zum Mann geworden zieht Anderl tags darauf in den Krieg. Francesca bleibt, von ihrer Familie zurückgelassen, in Südtirol. Später wird sie an der Seite von Anderls Mutter (Bigitte Jaufenthaler) und der frischvermählten Elisabeth (Emily Cox) Verletzte pflegen und dem durchtriebenen Dorfschullehrer Weinberger (Fritz Karl) auf den Leim gehen. Aber dieser melodramatische Aspekt der Geschichte ist im Grunde Staffage, denn das, was den „stillen Berg“ sehenswert macht, findet in den Bergen statt – und das nicht nur, weil sich Mord und Totschlag, schleichender Wahnsinn und militärische Megalomanie ungleich bildgewaltiger darstellen lassen, als es dieser Herz-Schmerz-Einheitsbrei tut, der problemlos einem Heimatfilm der 1950er-Jahre entsprungen sein könnte.

Im Gebirge wird Gossners Film zu einer beinahe abstrakten Meditation über das Thema Krieg. Er wirft Schlaglichter auf das Leben im Ausnahmezustand. In diesen zum Teil unter abenteuerlichen Umständen an Originalschauplätzen gedrehten Sequenzen wird der Schrecken des Krieges anschaulich. Wobei es mitunter die betont ruhigen Szenen sind, die in Erinnerung bleiben. Wenn im Morgengrauen Leichen über monumentale Felsen geworfen werden, zum Beispiel. Oder im resignierenden Blick von Harald Windisch, der als Anderls Vater und Bataillonsführer eine der beeindruckendsten Darstellerleistungen des ganzen Films abliefert. Das von Clemens Aufderklamm verfasste Drehbuch verzichtet auf eine wirklich positiv konnotierte Identifikationsfigur. Zum Helden taugt hier niemand. Und Anderl, der als deutschtümelnder Halbwüchsiger eingeführt wird und sich auch als Liebhaber einer Italienerin nur geringfügig bessert, schon gar nicht.

Natürlich ist es fraglich, ob die Mär von den jungen Männern, die im Krieg zum Helden wurden, dieses elende Ernst-Jünger-Gelaber, wirklich ein weiteres Mal wiederlegt werden musste, aber „Der stille Berg“ macht es. Und er macht es konsequent. Dafür verzeiht man ihm sogar manche hölzerne Dialogzeile, einen etwas überkandidelten Soundtrack und latente Kitschgefahr.


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