Medien

Mit der Zeit sehen

© Amelie Losier

Der Quotendruck im Fernseh-Universum ist größer denn je: 1605 Haushalte bestimmen dabei über Top- und Flop-Stempel. Online-Inhalte werden allerdings noch kaum erfasst.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –Man kann es sich kaum vorstellen – aber bis Anfang der 1980er Jahre wurden Fernsehnutzungs-Daten noch in Vier-Augen-Gesprächen erhoben. Dreimal im Jahr klopfte man bei den Testpersonen an die Tür, um TV-Marktforschung zu betreiben. Die Medienwelt sah damals natürlich entschieden anders aus: Das deutschsprachige Privatfernsehen sollte erst das Licht der TV-Leinwand erblicken, die Programmauswahl war mehr als überschaubar. Kein Wunder also, dass in dieser Zeit Quotenrekorde verbucht wurden, die man nie wieder brechen kann: 1973 lockte die „Peter Alexander Show“ in Deutschland und Österreich 34 Millionen Menschen vor den Fernseher, Marktanteile von mehr als 70 Prozent waren nicht weiter ungewöhnlich. Als Markus Lanz im Oktober 2012 bei seinem „Wetten, dass ..?“-Debüt 14,5 Millionen deutsche und österreichische Fans für sich gewinnen konnte, überschlugen sich die Koproduzenten ZDF und ORF vor Freude – derlei Zahlen sind im immer dichter werdenden Sender- dschungel nämlich rar.

Aber sind sie auch wahr? Seit 1991 werden die Reichweiten der in Österreich empfangbaren Sender mit dem elektronischen Mess-System „Teletest“ (siehe rechts) ermittelt. Aktuell gibt es österreichweit 1605 Haushalte, 124 davon in Tirol, die mit Testgeräten der Firma „Telecontrol“ ausgestattet sind. Ansonsten gibt es keine Details zu den Testern, die über ihren Nebenjob, der nur mit einer geringen Aufwandsentschädigung entlohnt wird, absolutes Stillschweigen bewahren müssen. Das Fernsehverhalten dieser 3570 Menschen verschiedenster Alters- und Berufsgruppen steht stellvertretend für das, was Herr und Frau Österreicher sehenswert finden – diese Hochrechnung interessiert wiederum die Werbeindustrie. Gelten die Quoten doch als Grundlage für die Bemessung der Werbeerlöse: ein millionenschweres Geschäft, ohne das vor allem Privatsender nicht überleben würden. „Privatsender können ihre Werbekunden nur mit quantitativ nachgewiesener Aufmerksamkeit locken. Stimmt die Quote nicht, sinken sofort die Werbepreise. Und sinken die Werbepreise, rechnen sich die Kosten nicht“, erklärt in diesem Zusammenhang der deutsche Medienexperte Alexander Kissler gegenüber der TT.

Die Quote kann also für ordentlichen Druck sorgen, steht gleichzeitig aber auch selbst unter diesem. Zuletzt wurde immer öfter Kritik am derzeit praktizierten Mess-System laut – über Online-Inhalte wird dabei nämlich noch hinweggesehen. In Mediatheken gespeicherte und gestreamte Sendungen fließen bisher nicht in die Messdaten mit ein, auch Formate, die über Smartphone oder Tablet konsumiert werden, flattern im quotenleeren Raum herum. Aber das soll sich ändern: Die GfK Austria, die für die Quotenmessung zuständig ist, arbeitet daran, die „Online-Bewegtbildmessung“ technisch erfassen zu können. Dafür sollen 15.000 zusätzliche Personen ins Test-Panel aufgenommen werden, erste Zahlen will man spätestens bis 2015 präsentieren. Als langfristiges Ziel wird eine gemeinsame Quoten-Währung für TV und Online angestrebt.

Für den Medienexperten Kissler ändert sich dadurch aber nichts am Grundproblem. „Es lässt sich nicht seriös berechnen, inwieweit ein Fernsehprogramm, das auf dem Bildschirm, dem ‚first screen‘ läuft, auch tatsächlich wahrgenommen wurde.“ In seinen Augen entwickelt sich das Fernsehen zusehends zum „Nebenher-Medium“, da immer mehr Menschen parallel zum Patschenkino auch im Netz aktiv sind, die Bedeutung des „second screen“ nimmt stetig zu. „Das Maß der geteilten Aufmerksamkeit lässt sich nicht bestimmen“, gibt Kissler zu bedenken. Und: „Auf lange Sicht wird sich die Quote als das erweisen, was sie schon heute ist: ein stumpf gewordenes Messer aus einer vergangenen Zeit.“

Laut Kissler hat die „fiktiv gewordene Quote“ aber nach wie vor die „erschreckende“ Macht, ein mau gestartetes Format jäh aus dem Fernseh-Verkehr zu ziehen. Ein Umstand, den zuletzt auch Moderatorin Arabella Kiesbauer im TT-Interview kritisierte. „Die Entwicklung des Fernsehens war in den letzten 15 Jahren nicht gerade die beste“, kommentierte sie den TV-Status-quo, der Experimente nahezu unmöglich macht. Für die Zukunft des Fernsehens verheißt das nichts Gutes.